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2-Arachidonoylglycerol

REVIEW Substanz Laienrelevanz: hoch

Stand: 2026-06-19

Synonyme: 2-Arachidonylglycerol 2-AG

2-Arachidonoylglycerol

Kurzdefinition

2-Arachidonoylglycerol (2-AG) ist das am häufigsten vorkommende Endocannabinoid im Gehirn und wirkt als vollständiger Agonist an CB1- und CB2-Rezeptoren, primär in der retrograden Signaltransmission.

Wissenschaftliche Beschreibung

Biochemie und Entdeckung 2-Arachidonoylglycerol wurde 1995 unabhängig voneinander durch Mechoulam et al. (PMID:7604321) und Sugiura et al. (PMID:7599639) entdeckt. Im Gegensatz zu Anandamid ist 2-AG ein Glycerid — ein Glycerol-Lipid mit Arachidonsäure verestert am sn-2-Position.

Struktur 2-AG besteht aus einem Glycerol-Backbone mit einer Arachidonoyl-Kette. Dies unterscheidet es strukturell grundlegend von Anandamid (Ethanolamid-Struktur) und prägt seine unterschiedliche Biosynthese und Funktion.

Rezeptor-Pharmakologie - CB1-Rezeptor: vollständiger Agonist, Ki ~1–3 µM - CB2-Rezeptor: vollständiger Agonist, Ki im ähnlichen Bereich - Diese vollständige Agonisten-Aktivität unterscheidet 2-AG fundamental von Anandamid, das nur partiell agonistisch wirkt. Dies hat direkte Konsequenzen für die Intensität und Qualität der Signalübertragung.

Biosynthese Die Hauptbiosynthese-Route erfolgt durch das Enzym DAGL-α (Diacylglycerol-Lipase-α) und DAGL-β, die ihren Vorläufer Diacylglycerol (DAG) spalten. DAG entsteht durch die Aktivierung von Phospholipase C (PLC), die Phosphatidylinositol 4,5-bisphosphat (PIP₂) spaltet. Diese Kaskade wird durch postsynaptische Depolarisation und Calciumzustrom aktiviert, was 2-AG zu einem aktivitätsabhängigen Lipidmediator macht.

Katabolismus - Primärer Abbau (~85% der zerebralen Hydrolyse): MAGL (Monoacylglycerol-Lipase) - Sekundärer Abbau (~15%): ABHD6 (Abhydrolase Domain-Containing Protein 6) und ABHD12

Das Abbauprodukt ist Glycerol und Arachidonsäure, wobei letztere ein Vorläufer-Substrat für Prostaglandine und Leukotriene ist. Dies bedeutet, dass 2-AG-Abbau direkt in eicosanoide Signalgebung mündet — ein wichtiger Schnittpunkt zwischen ECS- und klassischen Entzündungssignalen.

Physiologische Konzentrationen 2-AG-Konzentrationen liegen im nmol/g-Bereich des Gehirngewebes, etwa 100–1000-mal höher als Anandamid. Diese höheren Steady-State-Konzentrationen sind eine Folge aktiver Aktivität-abhängiger Biosynthese und die biochemische Basis für 2-AG als "dominant endocannabinoid".

Funktionelle Signalgebung — Retrograde Transmission 2-AG ist der primäre Mediator der retrograden synaptischen Signaltransmission. Nach Postsynapsen-Depolarisation oder metabotroper Rezeptor-Aktivierung wird 2-AG schnell und phasisch gebildet, diffundiert über die Synapse und bindet an präsynaptische CB1-Rezeptoren. Dies supprimiert Neurotransmitter-Freisetzung — ein Mechanismus der "Depressionen der Transmitterfreisetzung" (DSE/DSI).

Divergente Endocannabinoid-Funktionen - 2-AG: phasisch, schnell, retrograd, synapsenspezifisch — kurzzeitige Plastizität - Anandamid: tonisch, langsam, eher prä/perisynaptisch, modulatorisch — längerfristige Modulation

Diese funktionelle Divergenz ermöglicht parallele, differenzierte Signalisierungswege im gleichen System.

Pharmakologische Relevanz

2-AG ist der quantitativ dominante Endocannabinoid-Ligand und als vollständiger CB1/CB2-Agonist der stärkere intrinsische Agonist compared to Anandamid (partiell). Die Blockade von MAGL erhöht 2-AG-Spiegel und wurde in zahlreichen präklinischen Modellen untersucht mit dem Potenzial, analog zu THC-ähnliche Effekte zu erzeugen (da 2-AG ein voller Agonist ist).

Die Aktivität-abhängige Biosynthese macht 2-AG zu einem "demand-driven" Neuromodulatoren — das System produziert mehr 2-AG bei neuronaler Aktivität. Dies unterscheidet sich grundlegend von reiner tonischer Modulation und ist zentral für Lernprozesse und synaptische Plastizität.

Die Arachidonsäure-Freisetzung beim 2-AG-Abbau schafft einen molekularen Schnittpunkt mit klassischen Entzündungsbotenstoffen, was 2-AG zu einem Mediator der Kommunikation zwischen ECS und klassischen Entzündungs-Signalisierungswegen macht.

Verwandte Begriffe

  • endocannabinoid-system — übergeordneter Signalisierungsapparat
  • cb1-rezeptor — präsynaptische Zielstruktur bei retrograder Transmission
  • cb2-rezeptor — periphere und immunologische Aktivität
  • magl — primäres degradierendes Enzym
  • anandamid — konkurrierendes Endocannabinoid mit divergenter Kinetik und Agonisten-Qualität
  • retrograde-signaltransmission — funktionelle Nische von 2-AG

Quellen

  • Mechoulam R, Ben-Shabat S, Hanus L et al. (1995). Identification of an endogenous 2-monoglyceride, present in canine gut, that binds to cannabinoid receptors. Biochemical Pharmacology. PMID:7604321
  • Sugiura T, Kondo S, Sukagawa A et al. (1995). 2-Arachidonoylglycerol: a possible endogenous cannabinoid receptor ligand in brain. Biochemical and Biophysical Research Communications. PMID:7599639
  • Katona I, Freund TF (2012). Multiple functions of endocannabinoid signaling in the brain. Annual Review of Neuroscience. DOI:10.1016/j.neuron.2012.09.020
  • Deng W, Wang Y, Xu Z, Zhang S, Ling J, Dong X, Gu H (2020). Role of 2-Arachidonoylglycerol in the CNS. Frontiers in Neuroscience. PMID:32322464

Zusammenfassung

Dieser Eintrag behandelt 2 ag im Kontext medizinischer Cannabis-Forschung und praktischer Anwendung. Die dargestellten Konzepte verbinden botanische, pharmakologische und agronomische Perspektiven.

Verwandte Begriffe

Quellen

  1. Mechoulam et al. (1995). PMID:7604321 (1995) PMID
  2. Sugiura et al. (1995). PMID:7599639 (1995) PMID
  3. Katona & Freund (2012). DOI:10.1016/j.neuron.2012.09.020 (2012) DOI
  4. Deng et al. (2020). PMID:32322464 (2020) PMID