Kurzdefinition
Cannabis ist windbestäubt (anemophil) und zweihäusig (diözisch). Erfolgreiche Bestäubung führt zur Samenbildung und reduziert den Cannabinoidgehalt erheblich — weshalb der samenlose Anbau (Sinsemilla) für Wirkstoffproduktion entscheidend ist.
Wissenschaftliche Beschreibung
Blütenbiologie
Männliche Pflanze: Produziert Staubblätter mit Antheren, die Pollen freisetzen. Pollen sind sehr leicht (ca. 25 µm Durchmesser) und können Hunderte Kilometer durch die Luft transportiert werden. Primäre Windbestäubung; Insekten sekundär.
Weibliche Pflanze: Pistill mit zwei Narben (bifide Stigmata), die mit klebrigen Trichomen bedeckt sind, um Pollen aufzufangen. Das Gynözeum ist im Calyx (Kelchblatt) eingeschlossen, umgeben von Brakteen mit dichten kapitatgestielten Trichomen.
Pollenbiologie und -transport
- Pollen-Freisetzung: Antheren öffnen sich bei niedriger relativer Luftfeuchtigkeit (<50 %)
- Lebensfähigkeit: In frischem Zustand 24-72 h; tiefgefroren (−20 °C) bis 12 Monate
- Transportdistanz: Windbedingt bis >100 km dokumentiert — kritisch für Outdoor-Isolation
- Schädlichkeits-Schwelle: Bereits wenige Pollen je Narbe reichen für vollständige Befruchtung
Doppelte Befruchtung
Cannabis zeigt die für Angiospermen typische doppelte Befruchtung:
- Pollenkorn keimt auf Narbe → Pollenschlauch wächst durch Griffel in Samenanlage
- Spermium 1 + Eizelle → diploide Zygote → Embryo
- Spermium 2 + zwei Polkerne → triploider Endosperm → Nährgewebe für Embryo
Samenentwicklung und Cannabinoid-Konkurrenz
Bei Befruchtung verlagert die Pflanze Ressourcen (Zucker, Aminosäuren, Isoprenoid-Präkursoren) in die Samenentwicklung. Gleichzeitig sinken: - Trichom-Dichte und Sekretion - CBGA-Synthase-Aktivität - Gesamtcannabinoidgehalt um typisch 30-70 %
→ Sinsemilla (span.: ohne Samen) ist daher der Standard für medizinischen und Genussanbau.
Hermaphroditismus als Kontaminationsquelle
Gestresste Weibchen können durch Lichtlecks, Hitzestress oder mechanische Schäden Zwitter-Blüten (hermaphroditische „Bananen"/Staminodien) entwickeln, die unbefruchtete Pflanzen im Grow kontaminieren. Genetisch prädisponierte Sorten haben höhere Hermaphroditismus-Neigung.
Anbau-Relevanz
- Männliche Pflanzen früh entfernen: Präblütige Geschlechtserkennung (BBCH 15-17, Stipeln) vor Pollenfreisetzung
- Isolation: Outdoor-Sinsemilla erfordert >500 m Abstand zu anderen Cannabis-Pflanzen oder vollständige physische Trennung
- Pollenverwendung (Züchtung): Pollen bei −20 °C lagern, Wassergehalt ≤8 % (mit Trockenmittel)
- Hermaphroditismus-Prävention: Gleichmäßige Lichtzyklen, kein Stress, stabile Umgebungsbedingungen
Verwandte Begriffe
- dioezie-monoezie — zwei- vs. einhäusig
- pollen-antheren — Pollenproduktion und -struktur
- samen-aufbau — Embryo, Endosperm, Samenschale
- praebluetige-geschlechtserkennung — Früherkennung männlicher Pflanzen
- hermaphroditismus — Staminodien, Stressauslöser
- sts-feminisierung — Feminisierte Samen über STS-Behandlung
Quellen
- Small E & Naraine SGU (2016): Genet Resour Crop Evol. DOI:10.1007/s10722-015-0254-2
- Mandolino G & Carboni A (2004): Euphytica. DOI:10.1023/B:EUPH.0000014866.90572.4d