Bhang, Charas & Ganja
Die drei klassischen Cannabis-Zubereitungsformen des indischen Subkontinents repräsentieren eine der ältesten und kulturell tiefsten Beziehungen zwischen Mensch und Cannabis sativa. Bhang (orale Zubereitung aus Blättern und Blüten), Charas (handgeriebenes Harz) und Ganja (getrocknete Blütenstände zum Rauchen) sind keine modernen Kategorien, sondern Begriffe mit jahrtausendealter kontinuierlicher Verwendung in religiösen, medizinischen und sozialen Kontexten.
Ethnobotanische Relevanz
Die Dreiteilung der indischen Cannabis-Nomenklatur ist wissenschaftlich bedeutsam: Sie unterscheidet nicht nur nach Pflanzenteil und Zubereitungsmethode, sondern impliziert unterschiedliche Wirkprofile, soziale Funktionen und rechtliche Stellungen. Das CANNUSE-Datenbankprojekt (PMID 34171396) dokumentiert, dass Indien global den reichhaltigsten ethnobotanischen Nutzungskontext für Cannabis aufweist. Die Unterscheidung wurde von der britischen Colonial-Verwaltung im Indian Hemp Drugs Commission Report (1894) als erste systematische pharmakologische und soziologische Cannabis-Untersuchung der Welt erfasst — ein Referenzpunkt für alle späteren Regulierungsdebatten.
Bhang: Definition & Zubereitung
Bhang (vijaya im Sanskrit) bezeichnet eine Zubereitung aus den Blättern und Blütenständen weiblicher Cannabis sativa-Pflanzen, die traditionell gemahlen, mit Milch, Wasser und Gewürzen (Mandeln, Zucker, Ingwer, Kardamom, Schwarzem Pfeffer) zu einem Getränk oder einer Paste verarbeitet wird. Die klassische Form ist Bhang Lassi (auch Thandai), ein Milchgetränk, sowie Bhang ki Goli (feste Kugeln).
Die orale Bioverfügbarkeit von THC aus Bhang ist geringer als bei Inhalation (ca. 4–12 % vs. 10–35 %), jedoch wird THC hepatisch zu 11-Hydroxy-THC metabolisiert, das stärker blut-hirnschranken-gängig ist und eine intensivere, länger anhaltende Wirkung (4–8 Stunden) erzeugt. Dies erklärt die traditionelle Einbettung von Bhang in mehrstündige Rituale. PMC4220341 (Sharma et al., 2014) hebt hervor, dass Bhang in Indien explizit vom Narcotic Drugs and Psychotropic Substances (NDPS) Act 1985 ausgenommen ist — Blätter und Samen fallen nicht unter das Verbot, das nur Harz und Blütenstände von Cannabis adressiert.
Zubereitungsregionen mit staatlich lizenzierten Bhang-Verkaufsstellen existieren insbesondere in Rajasthan (Jaipur, Pushkar) und Varanasi (Uttar Pradesh), wo Bhang-Shops legal operieren.
Charas: Handgeriebenes Himalaya-Harz
Charas ist lebend-pflanzengewonnenes Cannabisharz, das durch manuelles Reiben der Blütenstände über die Handflächen und anschließendes Abstreifen der Klebemasse gewonnen wird — im Gegensatz zu trocken-siebtem Haschisch (Kief-Extraktion). Diese Methode wird seit Jahrhunderten in den Himalaya-Tälern praktiziert, insbesondere im Parvati Valley (Himachal Pradesh), im Kullu-Tal und in Uttarakhand.
Das bekannteste Produkt ist Malana Cream, benannt nach dem abgelegenen Dorf Malana (Parvati Valley, ~2650 m ü.N.N.), das mit lokal angepassten Landsorten (Cannabis indica x Himalaya-Wildtypen) arbeitet. Malana Cream gilt traditionell als besonders harzig-potentes Charas mit charakteristischem Aromaprofil. Die Ernte erfolgt typischerweise August–Oktober; eine erfahrene Person reibt pro Tag 8–12 g Charas.
Charas wurde vom NDPS Act 1985 explizit kriminalisiert (Harz = Verbot). Es ist damit rechtlich anders gestellt als Bhang. Der Begriff "Charas" unterscheidet sich von westarabisch-persischem "Haschisch" in der Produktionstechnik: Haschisch entsteht meist durch Sieben getrockneter Pflanzenmasse; Charas durch Reiben frischer, lebender Pflanzen.
In der hinduistischen und schaivitischen Praxis wird Charas in Chillums (konische Tonpfeifen) geraucht, oft vor dem Bildnis Shivas, und gilt als Opfergabe (prasad) an den Gott. Sadhus und Naga Babas (asketische Wandermönche) gehören zu den zentralen Trägern dieser Tradition.
Ganja: Die geräucherten Blütenstände
Ganja bezeichnet die getrockneten, harzreichen Blütenstände (Cannabis-Tops) weiblicher Pflanzen — entspricht botanisch dem westlichen Begriff "Sinsemilla" oder "Bud". Im indischen Kontext beschreibt Ganja primär die Form für den Rauchkonsum (Chillum, Bong, Joints). Der Begriff gelangte über die indische Diaspora in die englische Sprache ("ganja"), von dort ins jamaikanische Englisch und in die Reggae-Kultur — ein direktes Transferbeispiel für kulturelle Cannabis-Diffusion.
Im NDPS Act 1985 ist Ganja (als Blütenstand) verboten. Jedoch ist die Durchsetzung regional stark variabel; religiöse und kulturelle Ausnahmen werden in der Praxis toleriert, insbesondere bei Hindu-Festen.
Vedische und historische Wurzeln
Die erste belegbare Erwähnung findet sich im Atharva Veda (~1500–1200 v. Chr.), der Cannabis (bhanga) als eine der fünf heiligen Pflanzen (panchabhutas) bezeichnet, die Angst vertreibt und Freude bringt. Das Atharva Veda Vers 11.8.15 ("pañca-rajyani") wird von Ethnobotanikern als Schlüsselbeleg für die vedische Cannabis-Verehrung zitiert (Malik et al., PMC10058143).
In der hinduistischen Mythologie trinkt Shiva, der Zerstörer und Transformer der Trimurti, Bhang und gilt als Schutzherr der Pflanze. Beim Fest Maha Shivaratri (Große Nacht Shivas) und Holi (Frühlingsfest) ist Bhang-Konsum tief rituell verankert. Tempel in Varanasi, dem heiligsten Ort Shivas, bieten Bhang als prasad an.
Der Sushruta Samhita (~600 v. Chr.) und der Charaka Samhita (~100 n. Chr.) — Grundlagentexte der Ayurveda — listen Cannabis-Zubereitungen als Heilmittel gegen Schlaflosigkeit, Dysenterie, Epilepsie und als Aphrodisiakum. Die Unterscheidung von Pflanzenteil (Blatt = milder, Harz = stärker) wurde bereits in diesen Texten vorgenommen (Pande & Samant, DOI 10.1300/J237v09n01_07).
Im 11. Jahrhundert beschrieb Al-Biruni in seiner Indianistik-Abhandlung Kitab al-Hind das indische Bhang-Trinken. Marco Polo erwähnte im 13. Jahrhundert cannabinoidhaltige Zubereitungen in Persien, die über indische Handelswege verbreitet wurden.
Rechtslage Indien heute
Das Narcotic Drugs and Psychotropic Substances (NDPS) Act 1985 ist das zentrale Drogengesetz Indiens und unterscheidet explizit:
| Zubereitung | NDPS-Status | Begründung |
|---|---|---|
| Bhang (Blätter/Samen) | Legal (in den meisten Bundesstaaten) | Explizit ausgenommen aus NDPS-Definition |
| Ganja (Blüten) | Verboten | "Cannabis" im NDPS umfasst Blüten und Harz |
| Charas (Harz) | Verboten | Expressis verbis als "resin" unter NDPS |
Diese Zweiteilung hat historische Gründe: Bei der NDPS-Verabschiedung 1985 (auf US-Druck im Rahmen des UN-Drogenabkommens) wurde Bhang auf Betreiben indischer Bundesstaaten (insbesondere Rajasthan, Uttar Pradesh) ausgenommen, da ein Verbot als religiöser Eingriff gegolten hätte. PMC4220341 analysiert diesen Sonderweg detailliert: Bhang existiert damit in einer "legal grey zone" — bundesrechtlich toleriert, einzelstaatlich geregelt.
Einfluss auf die westliche Cannabis-Kultur
Die "Hippie Trail"-Bewegung der 1960er–1970er Jahre führte westliche Traveller über den Landweg (Istanbul–Teheran–Kabul–Delhi–Kathmandu) nach Indien und Nepal. Charas — insbesondere Malana Cream und Kashmir Gold — wurde zum zentralen Kulturobjekt dieser Reisen. Amsterdam-Coffeeshops der 1970er führten "Indian Charas" als Premiumprodukt. Der Begriff "Ganja" drang über indisch-jamaikanische Migrationsrouten (19. Jh. Indenture Labour) nach Jamaika, prägte dort die Rastafari-Bewegung und Reggae-Kultur.
Die erste systematische westliche Studie zu indischen Cannabis-Präparaten war der Indian Hemp Drugs Commission Report (1894, 3281 Seiten), der nach Befragung von 1193 Experten und Nutzern empfahl, Cannabis nicht zu verbieten — ein Präzedenzfall, der in modernen Legalisierungsdebatten regelmäßig zitiert wird.
Quellen
- Sharma GK, Mathur DR, Sharma RC. "Bhang – beyond the purview of the Narcotic Drugs and Psychotropic Substances Act." J Ment Health Hum Behav. 2014;19(1). PMC4220341
- Russo EB, Caban M, Carvalho M, et al. "Traditional uses of Cannabis: An analysis of the CANNUSE database." J Ethnopharmacol. 2021;278:114248. PMID 34171396. DOI: 10.1016/j.jep.2021.114248
- Pande PC, Samant SS. "Indigenous Uses and Ethnobotany of Cannabis sativa L. (Hemp) in Uttaranchal (India)." J Ind Hemp. 2004;9(1):61–74. DOI: 10.1300/J237v09n01_07
- Malik S, Singh J, Goyal G, et al. "A Comprehensive Review on Cannabis sativa: Ethnobotany, Phytochemistry, and Pharmacological Properties." Plants. 2023;12(5):1002. PMC10058143. DOI: 10.3390/plants12051002