Blattstellung und Fingerblatt
Kurzdefinition
Cannabis-Blätter sind palmat-zusammengesetzte Blätter (Fingerblätter) mit 1–13 Fiederblättchen (Foliolen) je nach Genetik und Entwicklungsphase — die Blattstellung wechselt im Laufe der Ontogenese von gegenständig-dekussiert (vegetativ) zu alternierend (reproduktiv).
Wissenschaftliche Beschreibung
Blatttyp: Palmat-zusammengesetzt
Das typische Cannabis-Blatt ist ein palmat-zusammengesetztes Blatt (Fingerblatt): - Blattstiel (Petiolus): verbindet Blatt mit Stängel; enthält Leitbündel - Foliolen (Fiederblättchen): die einzelnen „Finger"; sitzen strahlenförmig am Blattstielende - Rachis: die gemeinsame Mittelachse der Foliolen (minimal ausgeprägt bei Cannabis) - Stipeln: kleine Nebenblätter am Blattstielgrund; persistieren, werden zu Merkmalen der floralen Transition
Die Anzahl der Foliolen ist sortenabhängig und phasenspezifisch:
| Genetik/Phase | Foliolen-Anzahl | Blattform |
|---|---|---|
| Ruderalis | 3–5 | schmal, zierlich |
| Indica-dominant | 7–9 | breit, kurz |
| Sativa-dominant | 9–13 | schmal, lang |
| Hybrid | 7–11 | variabel |
| Blütephase (Blütenblätter) | 1–3 | stark reduziert |
Blattstellungs-Wechsel: Dekussiert → Alternierend
Dies ist eines der wichtigsten morphologischen Signale für den Übergang in die Reproduktionsphase:
Vegetativphase: Dekussate (kreuzgegenständige) Blattstellung - Blattpaare stehen sich gegenüber (180°) - Aufeinanderfolgende Paare um 90° gedreht (Dekussation) - Ergibt ein Kreuz-Muster von oben betrachtet - Optimale Lichtinterception durch Versatz
Reproduktionsphase: Alternate (wechselständige) Blattstellung - Einzelblätter abwechselnd links-rechts - Übergang bei ca. Knoten 5–7 (photoperiodisch) oder genetisch festgelegt (Autoflower) - Signal für Grower: Pflanze ist bereit für Blühinduktion
Botanisch: Dieser Wechsel ist durch Änderungen in der SAM-Aktivität bedingt — das apikale Meristem wechselt von symmetrischer zu asymmetrischer Primordien-Initiation.
Foliolen-Morphologie: Indica vs. Sativa
Indica-Foliolen: - Breites Längen-Breiten-Verhältnis (≤3:1) - Ausgeprägte Sägezähnung (Serration) - Dunkelgrün (hoher Chlorophyll-Gehalt) - Wenige, breite Foliolen → weniger Lichtdurchdringung in Canopy
Sativa-Foliolen: - Schmales Längen-Breiten-Verhältnis (>5:1) - Feine Sägezähnung - Hellgrün bis mittelgrün - Viele, schmale Foliolen → bessere Lichtdurchdringung
Diese Unterschiede spiegeln Adaptation an verschiedene Klimata wider: Sativa-Typen (tropische Herkunft) mit schmaleren Blättern reduzieren Überhitzung; Indica-Typen (gemäßigte/alpine Herkunft) mit breiten Blättern maximieren Lichtabsorption.
KNOX-Gene und Blattform-Regulation
Die Fingerblatt-Entwicklung wird durch KNOX-Transkriptionsfaktoren (Class I KNOTTED1-like homeobox) reguliert: - Hohe KNOX-Expression → komplexere Blattform (mehr Foliolen) - Niedrige KNOX-Expression → einfachere Blattform - Gibberellin antagonisiert KNOX → GA-Anstieg bei Maturation → Foliolen-Reduktion an Blütenblättern
Bei Cannabis wurden CsKNOX-Gene identifiziert, deren Expression mit der Fingeranzahl korreliert. Züchterisch relevante Mutationen (z.B. „Ducksfoot"-Mutation) inaktivieren diese Regulation und produzieren verwachsene, enten-fußartige Blätter.
Ontogenetische Folge der Fingeranzahl
Keimblätter (Kotyledonen): oval, ungeteilt
↓
1. echtes Blattpaar: 1 Foliole (Primärblatt)
↓
2.–3. Blattpaar: 3 Foliolen
↓
4.–5. Blattpaar: 5 Foliolen
↓
6.–8. Blattpaar: 7–9 Foliolen (Maximum vegetativ)
↓
Blütephase-Übergang: Reduktion auf 3–1 Foliolen an Blütenblättern
Biologische Auswirkungen
Der Wechsel von dekussiert zu alternierend ist ein morphologisches Korrelat der Photoperioden-Wahrnehmung und der FT-Protein-Aktivierung im SAM. Die Reduktion der Foliolen-Anzahl an Blütenblättern ist entwicklungsbiologisch mit der Umwidmung des SAM von vegetativer zu reproduktiver Identität verknüpft — dieselben MADS-Box-Gene, die Blütenorgane spezifizieren, supprimieren KNOX-abhängige Blattkomplexit.
Anbau-Relevanz
Blattstellung als Reife-Indikator
Der Wechsel zur alternierenden Blattstellung ist ein praktisches, kostenfreies Signal: - Wenn die Blattstellung von dekussiert zu alternierend wechselt, ist die Pflanze physiologisch bereit zur Blühinduktion - Bei photoperiodischen Sorten: Jetzt auf 12/12h umstellen (oder kurz danach) - Bei Autoflower: Wechsel tritt unabhängig vom Lichtprogramm auf (genetisch determiniert)
Blattform und Canopy-Management
Indica-dominante Phenos (breite Blätter) erfordern aggressivere Defoliation für Lichtdurchdringung in tiefere Triebe. Bei ScrOG besonders relevant: breite Blätter beschatten das Netz stärker.
Sativa-dominante Phenos (schmale Blätter) lassen mehr Licht durch die Canopy — geringerer Defoliations-Bedarf, dafür größeres Volumen nötig.
Foliolen-Anzahl als Genetik-Indikator
Bei Phenohunting gilt: - Sehr breite, 7-fingerige Blätter → Indica-Charakter (kurze Blütezeit wahrscheinlich) - Schmale, 11–13-fingerige Blätter → Sativa-Charakter (längere Blütezeit) - Diese Korrelation ist nicht absolut, aber ein schneller Orientierungspunkt
Verwandte Begriffe
- phyllotaxis — übergeordnetes Konzept der Blattstellungs-Muster
- phytomer — jede Blattstellung ist Teil eines Phytomers (Knoten + Blatt + Achselknospe)
- blattanatomie — innere Struktur der Foliolen (Palisaden, Schwamm, Stomata)
- shade-avoidance — Blattstellung beeinflusst Lichtinterception und Shade-Avoidance
- juvenilitaet-maturitaet — Foliolen-Anzahl als Marker des Entwicklungsstadiums
Quellen
- Spitzer-Rimon B. et al. (2019): DOI:10.3389/fpls.2019.01563. PMID:31921229
- Small E. & Cronquist A. (1976): DOI:10.2307/1220524
- Chandra S. et al. (2017): DOI:10.1016/j.yebeh.2016.11.021. PMID:28202339