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Delta-3-Caren

REVIEW Monographie Laienrelevanz: mittel Evidenz

Stand: 2026-06-19

Synonyme: 3-Caren Delta3-Caren delta3-Caren d-3-Caren CAS 13466-78-9

Delta-3-Caren

Kurzdefinition

Delta-3-Caren ist ein bicyclisches Monoterpen (C10H16) mit einem verschmolzenen Cyclohexen-Cyclopropan-Ringsystem, das in Cannabis als Nebenbestandteil vorkommt und pharmakologisch als hochpotenter positiver Modulator des GABA-A-Benzodiazepin-Rezeptors (EC50 48,8 nM) wirkt.

Struktur und Biosynthese

Chemische Struktur und Isomerie

Delta-3-Caren trägt die IUPAC-Bezeichnung 3,7,7-Trimethylbicyclo[4.1.0]hept-3-en und besitzt die CAS-Nummer 13466-78-9. Das bicyclische [4.1.0]-Gerüst besteht aus einem sechsgliedrigen Cyclohexen-Ring mit einem annellierten dreigliedrigen Cyclopropan-Ring — ein Strukturmerkmal, das es von den [3.1.1]-bicyclischen Pinenen (alpha- und beta-Pinen) und dem [3.1.0]-bicyclischen Sabinen unterscheidet. Zwei Stereozentren (C-1 und C-6) erzeugen zwei Enantiomere: das in der Natur häufigere (-)-3-Caren ((1R,6S)) und das (+)-3-Caren. Das Positionsisomer 2-Caren (Doppelbindung an C-2) ist deutlich seltener.

Eigenschaft Wert
Summenformel C10H16
Molmasse 136,24 g/mol
Dichte 0,860–0,868 g/cm³ (25 °C)
Siedepunkt 170–172 °C (760 mmHg)
Schmelzpunkt 23–24 °C
Flammpunkt 46 °C
LogP 2,8 (PubChem XLogP3) / 4,38 (experimentell, GoodScents)
Wasserloslichkeit ca. 4,6 mg/L (25 °C)
Dampfdruck 3,72 mmHg (25 °C)

Die Diskrepanz zwischen den beiden LogP-Werten (2,8 vs. 4,38) ist pharmakologisch relevant: LogP > 4 deutet auf starke Plasmaproteinbindung und verzögerte Elimination hin, während LogP 2,8 eine bessere orale Bioverfügbarkeit suggeriert. Eine experimentelle Klärung steht aus.

Biosynthese über den MEP-Weg

Monoterpene in Cannabis entstehen in den Plastiden über den MEP-Weg (Methylerythritolphosphat-Weg), der das universelle C10-Substrat Geranyldiphosphat (GPP) liefert. Monoterpensynthasen (mono-TPS) katalysieren die Cyclisierung von GPP zu den jeweiligen Monoterpenen. Booth et al. (2017) charakterisierten neun Cannabis-Terpensynthasen (CsTPS) der Sorte 'Finola', identifizierten jedoch kein spezifisches Caren-Synthase-Gen. Es ist wahrscheinlich, dass Delta-3-Caren durch Multiprodukt-Synthasen (analog zu CsTPS5FN) oder durch in drug-type-Sorten nicht charakterisierte TPS-Gene gebildet wird. In Kiefern (Pinus spp.) wurde eine dedizierte (+)-3-Caren-Synthase beschrieben; ein vergleichbares Enzym in Cannabis wurde bis dato nicht kloniert.

Vorkommen in Cannabis und Vergleich mit anderen Monoterpenen

Delta-3-Caren erscheint in nur 3 von 11 untersuchten Cannabis-Phänotypen (Hanus et al. 2020) unter den 10 Hauptterpenen und ist in keinem dieser Phänotypen das dominante Terpen. Typische Anteile liegen unter 5 % der Gesamtterpene, während Hauptterpene wie beta-Myrcen oder alpha-Pinen 30–65 % erreichen können. Sorten mit erhöhtem Delta-3-Caren-Anteil sind vorwiegend Sativa-dominante Hybriden (Jack Herer, Super Lemon Haze, AK-47), wobei quantitative Primärdaten für diese Sorten in der Peer-review-Literatur fehlen. Zum Vergleich: In Terpentin (Pinus spp.) kann Delta-3-Caren bis zu 42 % ausmachen.

Terpen Gerüst Siedepunkt (°C) LogP GABA-A-Modulation
alpha-Pinen [3.1.1] Bicyclo 155–156 ~4,4 Ja (nicht quantifiziert)
beta-Pinen [3.1.1] Bicyclo 166 ~4,2 Ja
Sabinen [3.1.0] Bicyclo 163–164 ~4,2 Nicht belegt
Delta-3-Caren [4.1.0] Bicyclo 170–172 2,8–4,4 Ja, EC50 48,8 nM

Rezeptorpharmakologie

GABA-A-Benzodiazepin-Rezeptor

Der am besten charakterisierte pharmakologische Mechanismus von Delta-3-Caren ist die positive allosterische Modulation des GABA-A-Benzodiazepin-Rezeptors. Cho et al. (2019) zeigten, dass 3-Caren die Zerfallskonstante (decay time constant) spontaner inhibitorischer postsynaptischer Ströme (sIPSCs) verlängert, mit einer EC50 von 48,8 nM — eine sub-nanomolare Potenz vergleichbar mit niedrig-dosierten Benzodiazepinen.

Molekulares Docking ergab eine Bindung an der BZD-Stelle der alpha1- und gamma2-Untereinheiten (Glide Gscore: −5,39 kcal/mol), mit Van-der-Waals-Kontakten zu Ser232, Ser233, Thr234, Met168 und Thr181, pi-pi-Stacking mit Phe116 und Tyr97 sowie Alkyl-Alkyl-Interaktionen mit Ala118 und Leu179. Der Effekt ist durch Flumazenil (BZD-Antagonist) vollständig blockierbar, was die Spezifität für die BZD-Bindungsstelle belegt. Die Wirksamkeit ist subtyp-selektiv für alpha1- und alpha2-haltige GABA-A-Rezeptoren.

CB1, CB2, TRPV1 und 5-HT — fehlende Direktbindungsdaten

Es liegen keine direkten Bindungsdaten für Delta-3-Caren an CB1-, CB2-, TRPV1- oder 5-HT-Rezeptoren vor. Ferber et al. (2020) führen 3-Caren nicht als direkten Cannabinoid-Rezeptor-Agonisten auf. Eine systematische Charakterisierung an TRP-Kanälen (TRPA1, TRPV1) wurde nicht publiziert. Damit unterscheidet sich 3-Caren von beta-Myrcen (TRPV1-Aktivierung) und beta-Caryophyllen (CB2-Agonismus), für die Direktbindungen nachgewiesen wurden.

Signaltransduktion und nachgelagerte Effekte

Sedation und Schlafverlängerung

Im Pentobarbital-induzierten Schlafmodell (Maus) verlängerte Delta-3-Caren die Schlafdauer dosisabhängig: Bei 100 mg/kg p.o. betrug die Schlaflatenz 2,62 ± 0,05 min und die Schlafdauer 122,2 ± 8,74 min (vs. Kontrolle). Dosen von 12,5; 25 und 50 mg/kg zeigten abgestufte Effekte. Alle Effekte waren durch Flumazenil vollständig umkehrbar, was den GABA-A-BZD-Mechanismus als alleinige Ursache bestätigt. Ein direktes Anxiolyse-Modell (Elevated Plus Maze, Light-Dark Box) wurde nicht publiziert, ist aber aufgrund des Mechanismus biologisch plausibel.

Antimikrobielle Wirkung

Shu et al. (2019) beschreiben robuste antimikrobielle Aktivität gegen Lebensmittelverderbernisse: MIC 20 mL/L gegen Brochothrix thermosphacta und Pseudomonas fluorescens. Der Mechanismus ist mehrstufig: (1) Membrandisruption mit Depolarisation (MFI-Abfall auf 34 % bzw. 61 % bei 1× MIC), (2) Kalium- und Protein-Leckage, (3) Succinatdehydrogenase-Inhibition (SDH: 13,95 U/mg Prot bei 1× MIC), (4) rascher ATP-Abbau, (5) DNA-Bindung mit Störung der Genexpression. Tang et al. (2021) bestätigten antibakterielle Aktivität gegen Pseudomonas lundensis als Fleischverderber.

Antiinflammation — schwache Evidenzlage

Spezifische IC50-Werte für COX-1, COX-2, LOX, NF-κB oder TNF-alpha für Delta-3-Caren fehlen in der Peer-review-Literatur. Die SDH-Inhibition (Shu et al.) könnte antiinflammatorische Nebeneffekte über mitochondriale Energiesignalwege plausibel machen, ist aber kein direkter Beleg. Im Vergleich: alpha-Pinen hemmt COX-2-Expression nachweislich bei 0,4 µM und supprimiert NF-κB — für 3-Caren fehlen äquivalente Daten.

Pharmakokinetik

Absorption und Lipophilie

Die geringe Wasserlöslichkeit (ca. 4,6 mg/L) und die lipophile Natur (LogP 2,8–4,4) bedingen eine rasche Absorption über Schleimhäute und Lungengepithel nach Inhalation. Die Blut-Hirn-Schranke ist aufgrund des LogP und der geringen topologischen Polarfläche (0 Ų, PubChem) gut passierbar. Die Diskrepanz zwischen den LogP-Werten (2,8 vs. 4,38) macht präzise PK-Vorhersagen schwierig: LogP > 4 deutet auf ausgeprägte Plasmaproteinbindung und verlangsamte renale Elimination hin.

Metabolismus und Elimination

Systematische humane PK-Studien für Delta-3-Caren fehlen. Falk et al. (1991) beschrieben nach Inhalationsexposition (450 mg/m³, 2 h) respiratorische Symptome bei Freiwilligen, führten jedoch keine vollständige PK-Analyse durch. Allgemein werden bicyclische Monoterpene in der Leber via CYP450 epoxidiert und anschließend glucuronidiert oder glutathionkonjugiert und renal ausgeschieden. Oxidationsprodukte (Hydroperoxide) sind bei 3-Caren toxikologisch relevant (siehe Sicherheit).

Inhalationstoxikokinetik

Sägewer­ker, die 100–550 mg/m³ alpha-Pinen + Delta-3-Caren ausgesetzt waren, zeigten respiratorische Symptome; unter 25 mg/m³ traten diese seltener auf. Delta-3-Caren ist etwa 4× potenter als Schleimhautirritans als l-beta-Pinen (vergleichende Inhalationsstudien). Bei Cannabis-Vaping ist die thermische Bildung von Oxidationsprodukten (Hydroperoxide) bei Temperaturen > 170 °C möglich.

Biologische Auswirkungen

  • Auslöser: Delta-3-Caren bindet an die Benzodiazepin-Bindungsstelle des GABA-A-Rezeptors (alpha1/gamma2-Untereinheiten)
  • Stadium: Nach inhalativer oder oraler Aufnahme im ZNS
  • Molekular: Positive allosterische Modulation; EC50 48,8 nM; Verlängerung der sIPSC-Zerfallskonstante; Flumazenil-blockierbar
  • Sichtbar: Sedation, verlängerte Schlafdauer, muskuläre Relaxation

Pharmakologische Relevanz

Delta-3-Caren ist trotz seines geringen Anteils im Cannabis-Terpenprofil (<5 % der Gesamtterpene) pharmakologisch bemerkenswert: Die GABA-A-Modulation mit EC50 48,8 nM ist hochpotent — vergleichbar mit niedrig dosierten Benzodiazepinen. Zwei zentrale Spannungen bleiben offen:

1. Potenz vs. Konzentration im Gewebe: Ob nach inhalativer oder oraler Cannabis-Aufnahme ausreichend hohe Gewebekonzentrationen im ZNS erreicht werden, um den GABA-A-Effekt in vivo zu entfalten, wurde nicht direkt gemessen. Bei einem typischen 3-Caren-Anteil < 5 % des Gesamtterpenprofils und den stark variierenden PK-Parametern ist dies unklar.

2. Sedations-Synergie mit THC: Die GABA-A-Modulation durch 3-Caren könnte die sedierenden THC-Effekte (CB1-vermittelt) additiv oder synergistisch verstärken — ein plausibler, aber empirisch nicht belegter Entourage-Effekt. Für Konsumenten bedeutet dies: Sativa-dominante Sorten mit hohem 3-Caren-Anteil können trotz Sativa-Genetik stärker sedierende Eigenschaften zeigen als erwartet.

Sicherheitshinweis: Die Hautsensibilisierung durch oxidiertes Delta-3-Caren (EC3: 9,7 %, Schwellenwert bereits ab 20 µg positiver Epikutantest) und das Potenzial als Schleimhautirritans (4× potenter als beta-Pinen) sind bei Vaping-Anwendungen und topischen Cannabisprodukten zu berücksichtigen.

Forschungsstand und offene Fragen

Die Evidenzbasis für Delta-3-Caren ist im Vergleich zu alpha-Pinen, Myrcen oder beta-Caryophyllen dünn. Offene Desiderate:

  • Identifikation und Klonierung eines Cannabis-spezifischen Caren-Synthase-Gens (CsTPS-x)
  • Direkte CB1/CB2/TRPV1-Bindungsstudien mit reinem 3-Caren
  • Humane PK-Studie nach Cannabis-Inhalation (Gewebekonzentrationen im ZNS)
  • Klärung der LogP-Diskrepanz (2,8 vs. 4,38) mit standardisierten Methoden
  • Antiinflammatorische Mechanismus-Studien (COX-2, NF-κB, IC50-Werte)
  • Anxiolyse-Modelle (Elevated Plus Maze) mit isoliertem 3-Caren
  • Sorten-Screening mit quantitativer GC-MS für 3-Caren-Konzentrationen in mg/g Trockenmasse

Verwandte Begriffe

  • alpha-pinen — Strukturverwandtes bicyclisches Monoterpen ([3.1.1]-Gerüst); teilt GABA-A-Modulation; zusätzlich COX-2-Inhibition und NF-κB-Suppression belegt; häufiger Co-Bestandteil in Cannabis
  • beta-pinen — [3.1.1]-Isomer; 4× weniger potentes Schleimhautirritans als 3-Caren; anxiolytisch über 5-HT1A-Mechanismus
  • sabinen — Bicyclisches Monoterpen mit gleichem Cyclopropan-Motiv ([3.1.0]-Gerüst); strukturell nächster Verwandter von 3-Caren
  • gaba-a-rezeptor — Primäres pharmakologisches Target; positive allosterische Modulation über BZD-Bindungsstelle; EC50 48,8 nM
  • terpensynthasen — Enzymfamilie (CsTPS) für Cannabis-Monoterpene; kein spezifisches Caren-Synthase-Gen bisher charakterisiert
  • entourage-effekt — Hypothese synergistischer Cannabis-Interaktionen; 3-Caren als potentieller GABA-A-vermittelter Modulator
  • trichome — Syntheseort aller Cannabis-Monoterpene einschließlich Delta-3-Caren

Quellen

  • Cho S et al. (2019): 3-Carene, a Phytoncide from Pine Tree Has a Sleep-enhancing Effect by Targeting the GABA-A-Benzodiazepine Receptors. Exp Neurobiol 28(5):593–603. DOI:10.5607/en.2019.28.5.593. PMID:31698551.
  • Shu H et al. (2019): Antimicrobial Activity and Proposed Action Mechanism of 3-Carene Against Brochothrix thermosphacta and Pseudomonas fluorescens. Molecules 24(18):3246. DOI:10.3390/molecules24183246.
  • Booth JK et al. (2017): Terpene synthases from Cannabis sativa. PLoS ONE 12(3):e0173911. DOI:10.1371/journal.pone.0173911. PMID:28319185.
  • Hanus LO et al. (2020): Terpenes/Terpenoids in Cannabis: Are They Important? Med Cannabis Cannabinoids 3(1):25–60. DOI:10.1159/000509733.
  • Ferber SG et al. (2020): The "Entourage Effect": Terpenes Coupled with Cannabinoids for the Treatment of Mood Disorders and Anxiety Disorders. Curr Neuropharmacol 18(2):87–96. DOI:10.2174/1570159X17666190903103923.
  • Tang Z et al. (2021): Antibacterial Mechanism of 3-Carene against the Meat Spoilage Bacterium P. lundensis. Foods 11(1):92. DOI:10.3390/foods11010092.
  • Reichel P et al. (2022): Impacts of Different Light Spectra on CBD, CBDA and Terpene Concentrations in Relation to the Flower Positions of Different Cannabis sativa L. Strains. Plants 11(20):2695. DOI:10.3390/plants11202695.
  • Falk A et al. (1991): Human exposure to 3-carene by inhalation: toxicokinetics, effects on pulmonary function and occurrence of irritation and CNS symptoms. Toxicol Appl Pharmacol 110(2):198–205. PMID:1891768.
  • AICIS/NICNAS (2018): Bicyclo[4.1.0]hept-3-ene, 3,7,7-trimethyl-: Human health tier II assessment. CAS 13466-78-9.
  • PubChem CID 442461: (-)-3-Carene. https://pubchem.ncbi.nlm.nih.gov/compound/442461
  • NIST WebBook: 3-Carene, CAS 13466-78-9. https://webbook.nist.gov/cgi/cbook.cgi?ID=C13466789

Verwandte Begriffe

Quellen

  1. DOI:10.5607/en.2019.28.5.593 DOI
  2. DOI:10.3390/molecules24183246 DOI
  3. DOI:10.1371/journal.pone.0173911 DOI
  4. DOI:10.1159/000509733 DOI
  5. DOI:10.2174/1570159X17666190903103923 DOI
  6. DOI:10.3390/foods11010092 DOI
  7. DOI:10.3390/plants11202695 DOI
  8. PMID:1891768 PMID

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