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Cannabidivarin (CBDV) - Monographie

REVIEW Evidenz

Stand: 2026-06-20

Cannabidivarin (CBDV)

Cannabidivarin, abgekürzt als CBDV, ist ein nicht-psychoaktives Cannabinoid, das in Cannabis sativa vorkommt. Als Propyl-Analog von Cannabidiol (CBD) weist CBDV eine verkürzte Alkylseitenkette auf und zeigt in präklinischen und klinischen Studien vielversprechende therapeutische Eigenschaften, besonders im Bereich der antikonvulsiven und neuroprotektiven Effekte.

Chemische Struktur und Grundlagen

CBDV (Cannabidivarin) ist ein natürliches Cannabinoid mit der chemischen Formel C19H26O2 (CAS-Nummer: 24274-48-4). Strukturell unterscheidet es sich von CBD durch eine Propyl- anstelle einer Pentyl-Seitenkette am Resorcinol-Ring. Diese subtile strukturelle Variation führt zu unterschiedlichen pharmakologischen Profilen zwischen CBDV und anderen Cannabinoiden. CBDV entsteht in der Cannabispflanze durch die enzymatische Umwandlung von Cannabigerol (CBG) und ist besonders in bestimmten Cannabis-Sorten mit niedriger THC- und CBD-Konzentration reichlich vorhanden. Die Verbindung ist lipophil und wird bei Raumtemperatur als farbloses bis gelbliches kristallines Öl isoliert. Im Gegensatz zu Delta-9-THC zeigt CBDV keine direkte affine Bindung an CB1- oder CB2-Rezeptoren, was es zu einem nicht-psychoaktiven Wirkstoff macht. Die genaue Struktur ermöglicht eine präzise Analyse durch moderne analytische Techniken wie Hochleistungsflüssigkeitschromatographie (HPLC) und Massenspektrometrie.

Antikonvulsive und epileptische Effekte

Eine der vielversprechendsten Anwendungen von CBDV liegt in der antikonvulsiven Therapie. Umfangreiche präklinische Studien haben gezeigt, dass CBDV-reiches Cannabis-Extrakte signifikante antikonvulsive Effekte in mehreren Tiermodellen epileptischer Anfälle aufweisen. Eine grundlegende Studie von Hill et al. (doi: 10.1111/bph.12321, PMID: 23902406) demonstrierte, dass CBDV-haltige botanische Drogenzubereitungen in drei verschiedenen akuten Anfallsmodellen antikonvulsiv wirkten: im Pentylentetrazol-Modell (≥100 mg·kg−1), im audiogenen Anfallsmodell (≥87 mg·kg−1) und im Pilocarpin-induzierten Anfallsmodell (≥100 mg·kg−1). Bemerkenswert ist, dass diese antikonvulsiven Effekte nicht über den CB1-Cannabinoid-Rezeptor vermittelt wurden – ein Mechanismus, der sich von THC und vielen anderen Cannabinoiden grundlegend unterscheidet. Die Isobologramm-Studien zeigten, dass die antikonvulsiven Effekte von reinem CBDV und CBD linear additiv waren, wenn sie zusammen verabreicht wurden. Dies deutet auf komplementäre Wirkmechanismen hin. Motor- und Koordinationstests zeigten minimale Nebenwirkungen, was CBDV zu einem potenziell sicheren antikonvulsiven Kandidaten macht. Diese präklinischen Befunde haben zu klinischen Entwicklungsprogrammen geführt, einschließlich laufender Studien zur Wirkung von CBDV bei Epilepsie und anderen neurologischen Störungen.

Neurochemische Effekte und E-I-Modulation

CBDV übt komplexe Effekte auf die Glutamat- und GABA-Systeme des Gehirns aus, die als Excitation-Inhibition (E-I)-Balance bekannt sind. Eine wegweisende Studie (doi: 10.1038/s41398-019-0654-8) untersuchte erstmals die Auswirkungen einer einzelnen 600 mg CBDV-Dosis auf die Gehirnmetaboliten Glx (Glutamat + Glutamin) und GABA+ in erwachsenen Männern mit und ohne Autismus-Spektrum-Störung (ASD) mittels Magnetresonanzspektroskopie (MRS). In den Basalganglien zeigte sich eine signifikante Steigerung von Glx unter CBDV im Vergleich zu Placebo (F(1, 21) = 7.268, puncorr = 0.014, η² = 0.257), ein Effekt, der die Bonferroni-Korrektur überstand (pcorr = 0.03). Dieser Befund war konsistent über neurotypische und autistische Gruppen hinweg. Präklinische Studien zeigen, dass CBDV an mehrere Transient Receptor Potential (TRP)-Kanäle bindet – insbesondere TRPV1, TRPV2 und TRPA1 – wo es diese Rezeptoren aktiviert und schnell desensibilisiert. Diese TRP-Rezeptoren liegen auf kortikalen und subkortikalen exzitatorischen pyramidalen Zellen, inhibitorischen Interneuronen und Mikroglia vor, insbesondere in den Basalganglien und dem dorsomedalen präfrontalen Kortex (DMPFC). Damit könnte CBDV potenziell die Aktivität von Neuronen und Glia modulieren, die direkt an der E-I-Regulation beteiligt sind – ein besonders relevanter Mechanismus bei autistischen Spektrumstörungen.

Pharmakokinetik und Bioverfügbarkeit

Die Pharmakokinetik von CBDV ist noch nicht vollständig charakterisiert, orientiert sich aber strukturell an dem verwandten Cannabinoid CBD. Nach oraler Verabreichung wird CBDV im Gastrointestinaltrakt resorbiert, wobei die Bioverfügbarkeit durch Faktoren wie Mahlzeiten, individueller Metabolismus und die Darmmikrobiota beeinflusst wird. CBDV unterliegt hepatischer Metabolisierung durch das Cytochrom-P450-System, insbesondere durch CYP3A4 und CYP2C19. Die Eliminationshalbwertszeit von CBDV wird auf mehrere Stunden geschätzt, wobei die exakte Clearance zwischen Individuen variiert. In klinischen Studien wurde CBDV in verschiedenen Formulierungen verabreicht – von kristallinen reinen Substanzen bis zu standardisierten Pflanzenstoffen. Die Plasma-Peak-Konzentration nach oraler Gabe von 600 mg CBDV wird typischerweise etwa 2 Stunden nach der Verabreichung erreicht, wie in der MRS-Studie dokumentiert. Die Fähigkeit von CBDV, die Blut-Hirn-Schranke zu durchqueren, ist aufgrund seiner lipophilen Natur gegeben, was zentrale neurologische Effekte ermöglicht. Interindividuelle Unterschiede in CYP450-Aktivität, genetische Polymorphismen und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten beeinflussen die Plasmakonzentrationen und damit auch die therapeutischen oder toxischen Effekte.

Mechanismen der TRP-Kanal-Modulation

CBDV wirkt hauptsächlich über Vanilloid-Rezeptor-1 (TRPV1) und andere Transient Receptor Potential (TRP)-Kanäle. TRPV1 ist ein nicht-selektiver Kationenkanal, der durch verschiedene Reize aktiviert wird – von Hitze über saure pH-Werte bis zu Capsaicin. CBDV bindet an TRPV1 mit moderater Affinität und führt zu einer Aktivierung, gefolgt von schneller Desensibilisierung, was in einer Netto-Inhibition der Kanalaktivität resultiert. Diese Desensibilisierung könnte zum antikonvulsiven Effekt beitragen, da eine verminderte TRPV1-Aktivität die glutamatergische Übertragung reduzieren kann. CBDV interagiert auch mit TRPV2 und TRPA1-Kanälen auf ähnliche Weise. Die breite Expression dieser TRP-Kanäle in verschiedenen Gehirnregionen – insbesondere in Regionen, die mit Epilepsie, Autismus und neuroinflammatorischen Prozessen verbunden sind – erklärt die vielfältigen neuroprotektiven Effekte. Darüber hinaus können diese Kanäle auf Mikroglia-Zellen exprimiert werden, was CBDV ermöglicht, neuroinflammatorische Prozesse zu modulieren. Die genauen intrazellulären Signalkaskaden, die durch TRPV1/TRPV2/TRPA1-Aktivierung und -Desensibilisierung ausgelöst werden, sind Gegenstand intensiver Forschung und könnten zusätzliche therapeutische Ansatzpunkte offenbaren.

Klinische Anwendungspotenziale und laufende Forschung

CBDV hat sich als vielversprechender Kandidat für mehrere klinische Anwendungen etabliert. Die primäre therapeutische Indikation, die am weitesten fortgeschritten ist, ist Epilepsie – insbesondere refraktäre Epilepsie und fokale Anfallsstörungen. Der Mechanismus der Wirkung unterscheidet sich grundlegend von etablierten Antikonvulsiva wie Phenytoin oder Benzodiazepinen, was es zu einer potenziellen Therapieoption für Patienten macht, die gegen herkömmliche Medikamente resistent sind. Eine zweite vielversprechende Indikation ist Autismus-Spektrum-Störung (ASD), wo die Modulation der E-I-Balance als Schlüsselmechanismus bei der Pathophysiologie betrachtet wird. Laufende klinische Studien untersuchen die Wirkung von CBDV auf Reizbarkeit, soziale Kognition und wiederholte Verhaltensweisen bei autistischen Kindern und Erwachsenen (z. B. NCT03202303, NCT03537950). Weitere präklinische Hinweise deuten auf neuroprotektive Effekte bei anderen neurologischen Störungen hin – von Schlaganfall und traumatischer Hirnverletzung bis hin zu neurodegenerativen Erkrankungen. Die entzündungshemmenden Eigenschaften von CBDV, vermittelt durch Mikroglia-Modulation und TRP-Kanal-Signalisierung, könnten auch bei chronischen neurinflammatorischen Zuständen relevant sein. Allerdings sind viele dieser Anwendungen noch in präklinischen oder frühen klinischen Stadien, und weitere Forschung ist erforderlich, um Wirksamkeit, optimale Dosierung, Sicherheit und Langzeitwirkungen zu etablieren. Die Heterogenität der ASD-Population – wo verschiedene Subgruppen unterschiedlich auf Kandidatenbehandlungen reagieren – unterstreicht die Bedeutung stratifizierter Behandlungsansätze, bei denen biologische Marker der Reaktion vor Behandlungsbeginn identifiziert werden.

Literatur und Quellenangaben

  • Hill TD, Cascio MG, Arnold JC, Duncan M, Pertwee RG, Razavi R, et al. Cannabidivarin-rich cannabis extracts are anticonvulsant in mouse and rat via a CB1 receptor-independent mechanism. Br J Pharmacol. 2013 Oct;170(3):679-92. doi: 10.1111/bph.12321. PMID: 23902406. PMCID: PMC3792005.

  • Pretzsch CM, Frässle S, Bernardoni F, Mediavilla-Echeverria G, Kroemer NB, Häussler A, et al. Effects of cannabidivarin (CBDV) on brain excitation and inhibition systems in adults with and without Autism Spectrum Disorder (ASD): a single dose trial during magnetic resonance spectroscopy. Transl Psychiatry. 2019 Dec 13;9(1):309. doi: 10.1038/s41398-019-0654-8. PMID: 31839668. PMCID: PMC6915981.

  • WebMD. Cannabidivarin (CBDV): Overview, Uses, Side Effects, Precautions, Interactions, Dosing and Reviews. Abgerufen von https://www.webmd.com/vitamins/ai/ingredientmono-1601/cannabidivarin-cbdv

  • PubChem. Cannabidivarin | C19H26O2 | CID 11601669. National Center for Biotechnology Information. Abgerufen von https://pubchem.ncbi.nlm.nih.gov/compound/Cannabidivarin

  • ScienceDirect. Cannabidivarin - an overview. In: Pharmacology, Toxicology and Pharmaceutical Science. Abgerufen von https://www.sciencedirect.com/topics/pharmacology-toxicology-and-pharmaceutical-science/cannabidivarin

Quellen

  1. Cannabidivarin-rich cannabis extracts are anticonvulsant in mouse and rat (2013) DOI PMID
  2. Effects of CBDV on brain excitation and inhibition in ASD (2019) DOI
  3. CBDV pharmacology and therapeutic potential for neurological disorders (2020) DOI
  4. TRP channel modulation by CBDV and its therapeutic implications (2012) DOI PMID

Evidenz-Hinweis: Die hier zitierten Studien und Forschungsergebnisse geben den aktuellen Stand der Wissenschaft wieder. Einzelne Studien belegen keine allgemeingültigen Aussagen. Die Qualität und Reproduzierbarkeit kann variieren.