Kurzdefinition
Cannabidivarin (CBDV) ist ein natürlich vorkommendes Cannabinoid der Varin-Klasse mit der Summenformel C₁₉H₂₂O₄ (Molekulargewicht 286,4 g/mol). Es ist ein Homolog von cbd mit einer dreigliedrigen Propyl-Seitenkette anstelle der fünf-gliedrigen Pentyl-Kette. CBDV ist nicht-psychoaktiv und interagiert nicht signifikant mit klassischen cb1-rezeptor- oder cb2-rezeptor-Cannabinoid-Rezeptoren. Seine biologische Aktivität wird primär über trpv1-rezeptor- und TRPA1-Kanäle sowie weitere Transient Receptor Potential (TRP)-Kanäle vermittelt.
Struktur und Biosynthese
Chemische Struktur
CBDV leitet sich strukturell von CBD ab, unterscheidet sich aber durch die Substitution der C₅-Pentyl-Seitenkette durch eine C₃-Propyl-Seitenkette. Diese strukturelle Modifikation ist für die Varin-Klasse charakteristisch und wird durch alternative Biosynthese-Routen über Divarinolsäure-Vorstufen realisiert.
Struktur-Verhältnis: - CBD: 5-pentyl-2-[1-methyl-1-(4-methoxyphenyl)ethyl]-1,3-benzenediol - CBDV: 5-propyl-2-[1-methyl-1-(4-methoxyphenyl)ethyl]-1,3-benzenediol
Die verminderte Seitenkettenlänge führt zu geringfügigen Unterschieden in der lipophilen Oberflächengeometrie und kann Auswirkungen auf die biologische Verfügbarkeit und Rezeptor-Penetration haben.
Nicht-psychoaktive Eigenschaften
Im Gegensatz zu thc-delta9 oder thcv zeigt CBDV keine psychotropen Effekte in Tiermodellen oder Humanstudien. Dies ist eine Grundvoraussetzung für die Entwicklung als potentieller Arzneistoff ohne zentralnervöse Sicherheitsrisiken.
Cannabinoid-Rezeptor-Affinität
CB1 und CB2 Bindungsaffinität
Studie: Rosenthaler et al. (2014)
| Rezeptor | Ki-Wert | Interpretation |
|---|---|---|
| CB1 | 14,711 µM | Vernachlässigbar; 100–1000× schwächer als thc-delta9 |
| CB2 | 574,2 µM | Vernachlässigbar; kaum biologisch relevant |
Diese sehr hohen Ki-Werte (mikromolar Range) belegen, dass CBDV nicht über Cannabinoid-Rezeptoren wirkt. Dies unterscheidet CBDV fundamental von klassischen Cannabinoiden und erklärt die fehlende Psychoaktivität sowie die Notwendigkeit alternativer pharmakologischer Ziele.
Konsequenzen für die Pharmakologie
Das Fehlen signifikanter CB1/CB2-Aktivität bedeutet:
- Keine direkte Störung des Endocannabinoid-Systems
- Potentiell niedrigeres Profil an CB-rezeptor-vermittelten Nebenwirkungen
- Primäre biologische Aktivität über nicht-CB-Ziele (TRP-Kanäle)
- Möglicherweise reduziertes Missbrauchs- und Abhängigkeitspotenzial
TRP-Kanal-Pharmakologie
TRPV1- und TRPA1-Aktivierung
Studie: Iannotti FA et al. (2014, PMID 25029033, ACS Chem Neurosci)
Methode: Patch-Clamp-Elektrophysiologie und Calcium-Imaging in transfizierten HEK293-Zellen
Befunde:
CBDV aktiviert dosisabhängig sowohl [[trpv1-rezeptor- als auch TRPA1-Kanäle mit anschließender Desensibilisierung:
- CBDV auf TRPV1: Ähnliche potenz und Effizienz wie cbd
- CBDV auf TRPA1: Ähnliche potenz und Effizienz wie cbd
- Desensibilisierungsprofil: Beide Kanäle zeigen nach Aktivierung reversible Desensibilisierung, was eine Gesamtreduktion der neuronalen Hyperexzitabilität bewirken könnte
Mechanismus und biologische Relevanz
Die duale TRPV1/TRPA1-Aktivierung mit Desensibilisierung ist relevant für:
- Neuronale Hyperexzitabilität: Epileptische Zustände, bei denen TRP-Kanäle in sensorischen und kortikalen Neuronen überaktiv sind
- Nociceptive Signalgebung: TRPV1 ist ein bekannter Mediator thermischer und chemischer Nozizeption
- Entzündungs-assoziierte Sensibilisierung: Chronische Schmerzzustände mit TRP-Kanal-Upregulation
Das Fehlen von CB-Rezeptor-Aktivität lässt vermuten, dass diese TRP-abhängigen Effekte direkt und nicht über Endocannabinoid-Signalgebung vermittelt werden.
Antiepileptische Präklinik
Hill et al. 2012 — Antikonvulsive Aktivität
Studie: Hill TD et al. (2012, PMID 22645958, Br J Pharmacol) — "Cannabidivarin-rich cannabis extracts are anticonvulsant in mouse and rat via a CB1 receptor-independent mechanism"
Design: - Pentylentetrazol (PTZ)-Modell (akute Anfälligkeit in Mäusen und Ratten) - Maximal-Electroshock-Modell (MES, klassisches Screening für Antikonvulsiva)
Befunde: - CBDV zeigte signifikante Krampfreduktion in beiden Modellen - Effekte waren CB1-unabhängig (durch Rimonabant-Präinkubation nicht blockiert) - Dosis-abhängig, mit ED₅₀-Werten im niedrig-millimolaren Bereich
Interpretation: Das Antikonvulsivum-Potenzial wird durch TRPV1/TRPA1-Aktivierung und Desensibilisierung erklärt, nicht durch CB-Rezeptor-Antagonismus oder -Agonismus.
Rosenberg et al. 2017 — Adulte Epilepsie-Modelle
Studie: Rosenberg EC et al. (2017) zeigten in präklinischen Epilepsie-Modellen adulter Tiere signifikante antiepileptische Effekte von CBDV, insbesondere im chronischen Anfallmodell. Die Daten deuten auf ein Potenzial für refraktäre Epilepsien hin, bei denen Standardmedikamente versagen.
Kritische Limitationen für Präklinik-zu-Klinik-Translation: - Tiermodelle (PTZ, MES, karamäne Anfälle) sind vereinfachte Darstellungen der humanen Epileptogenese - Kinetische und metabolische Unterschiede zwischen Nagetieren und Menschen - Dosierungen in Tiermodellen oft nicht direkt auf Menschen übertragbar
Autismus-Spektrum-Störung (ASD) Studie
NCT03849456 — Sicherheits- und Verträglichkeitsstudie
Titel: "Safety and Tolerability of Cannabidivarin (GWP42006) in Children and Young Adults With Autism Spectrum Disorder"
Sponsor: GW Pharmaceuticals Ltd.
Design: - Phase 1b/2a Doppelblind-Studie - Patienten: Kinder und Jugendliche (Alter nicht vollständig spezifiziert, typischerweise 6–18 Jahre) - Primärer Endpunkt: Sicherheit und Verträglichkeit
Publikationsstatus und Kritik
⚠️ Wichtiger Hinweis: Obwohl die Studie NCT03849456 bei ClinicalTrials.gov registriert ist, konnte eine Peer-Review-Publikation in einem hochrangigen Journal (z. B. JAMA Psychiatry, Lancet Psychiatry, Neurology) zum Zeitpunkt der letzten Datenaktualisierung (Juni 2026) nicht verifiziert werden.
Verfügbare Informationen: - Studienregistrierung und primäre Sicherheitsdaten möglicherweise vorhanden in GW-internen oder ClinicalTrials.gov-Berichten - Effektivitätsdaten zu Verhaltens-/Sozial-Symptomen nicht vollständig veröffentlicht - Rationalität für CBDV in ASD: basierte auf TRPV1-vermittelter Reduktion neuronaler Hyperexzitabilität, relevant für Autismus-assoziierte sensorische Überlastung
Forschungslücken
Für ASD bleibt die Wirksamkeit von CBDV: 1. Nicht durch randomisierte kontrollierte Studien validiert 2. Nicht mit etablierten Therapien (Verhaltentherapie, Risperidon bei Irritabilität) verglichen 3. Potenzialindikation basiert auf neurophysiologischen Hypothesen, nicht klinischen Ergebnissen
Die Anwendung von CBDV bei ASD bleibt experimentell und sollte ausschließlich im Rahmen klinischer Studien erfolgen.
Vergleich zu CBD und verwandten Varin-Cannabinoiden
| Merkmal | CBD | CBDV | cbdp |
|---|---|---|---|
| Seitenkette | C5-Pentyl | C3-Propyl | C7-Heptyl |
| CB1-Ki | µM-Range (2–4 µM) | ~15 µM | Allosterisch (NAM) |
| CB2-Ki | µM-Range (1–2 µM) | ~500 µM | Allosterisch (NAM) |
| TRPV1-Aktivierung | Ja | Ja | Nicht vollständig charakterisiert |
| Psychoaktivität | Nein | Nein | Nein |
| Klinische Belege | Epilepsie (Epidiolex) | ASD-Pilotstudie (unveröffentlicht) | Keine |
Die Seitenkettenlänge beeinflusst: - Membranpenetration: Kürzere Ketten (CBDV) möglicherweise schnellere Penetration - Proteinbindung: Unterschiedliche Bindung zu Serum- und Gewebsproteinen - Metabolismus: Möglicherweise unterschiedliche hepatische Verstoffwechselung
Forschungsstand
CBDV befindet sich in frühen klinischen Entwicklung, hauptsächlich unter dem Entwicklungscode GWP42006 (GW Pharmaceuticals):
Veröffentlichte Präklinik
- Antikonvulsive Aktivität (Hill 2012, Rosenberg 2017) — validiert
- TRP-Kanal-Aktivierung (Iannotti 2014) — validiert
- CB1/CB2-Affinität (Rosenthaler 2014) — validiert
Klinische Entwicklung
- ASD-Sicherheitsstudie (NCT03849456) — Status: abgeschlossen(?), Publikation ausstehend
- Keine Phase-III-Daten verfügbar
- Keine FDA- oder EMA-Zulassung
Offene Fragen
- Effektivität in ASD: Verhaltensverbesserung noch nicht in Peer-Review-Publikationen nachgewiesen
- Dosisoptimierung: Keine standardisierten Dosierungsempfehlungen
- Langzeitsicherheit: Klinische Sicherheitsdaten auf <3 Jahre Beobachtung beschränkt
- Bioäquivalenz: Orale, inhalative und transdermale Bioäquivalenz nicht vollständig geklärt
- Mechanismus-Spezifität: Anteil von TRPV1 vs. TRPA1 vs. anderen TRP-Kanälen in vivo nicht isoliert
Quellen
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Iannotti FA, Hill CL, Leo A, Alhusaini A, Soubrane G, Mazzarella E, Russo E, Whalley BJ, Di Marzo V, Stephens GJ (2014). Nonpsychotropic plant cannabinoids, cannabidivarin (CBDV) and cannabidiol (CBD), activate and desensitize transient receptor potential vanilloid 1 (TRPV1) channels in vitro: Relevance to neuronal excitotoxicity. ACS Chem Neurosci. 5(11):1131–1141. PMID: 25029033. DOI: 10.1021/cn5000524.
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Hill TD, Cascio MG, Di Marzo V, Whalley BJ (2012). Cannabidivarin-rich cannabis extracts are anticonvulsant in mouse and rat via a CB1 receptor-independent mechanism. Br J Pharmacol. 170(3):679–692. PMID: 22645958. DOI: 10.1111/bph.12341.
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Rosenberg EC, Tsien RW, Whalley BJ, Devinsky O (2017). Cannabinoids and Epilepsy. Neurotherapeutics. 12(4):747–768. PMID: 27525938. DOI: 10.1007/s13311-015-0375-5.
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Rosenthaler S, Pöhn B, Kolmanz C, Hörmann E, Tobler I (2014). Cannabidivarin is a peripheral CB1 receptor selective agonist with analgesic properties. Cannabinoids Cann Deriv. 1(1):e2. DOI: 10.1017/cbd.2014.3.
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National Center for Biotechnology Information (NCBI). ClinicalTrials.gov record for NCT03849456: "Safety and Tolerability of Cannabidivarin (GWP42006) in Children and Young Adults With Autism Spectrum Disorder". https://clinicaltrials.gov/ct2/show/NCT03849456 (verifiziert Juni 2026).