CBGV – Cannabigerovarin
Kurzdefinition
Cannabigerovarin (CBGV) ist ein seltenes, nicht-psychoaktives Minor-Cannabinoid der sogenannten Varinoid-Klasse, das in geringen Konzentrationen in bestimmten Cannabis-Varietäten vorkommt. CBGV ist das propylierte Homolog von Cannabigerol (CBG) und entsteht durch eine alternative Biosynthese-Route, bei der ein drei-Kohlenstoff-Seitenketten-Substituent (Propyl) statt des typischen fünf-Kohlenstoff-Substituents (Pentyl) in die Struktur des Cannabinoids eingebaut wird. Mit einer CAS-Nummer von 55824-11-8 zählt CBGV zu den über 120 bekannten Phytocannabinoiden und gehört zur gleichen biosynthetischen Familie wie Cannabigerolsäure (CBGA), dem unmittelbaren Vorläufer von THC und CBD in der Cannabis-Pflanze.
Wissenschaftliche Beschreibung
Chemische Struktur und Varinoid-Klasse
CBGV ist strukturell charakterisiert durch:
- Chemische Summenformel: C₂₁H₃₀O₂ (identisch mit CBG)
- Molares Gewicht: 314,46 g/mol
- Kernstruktur: Dibenzopyran-System mit phenolischer Hydroxylgruppe
- Unterscheidungsmerkmal: Propyl-Seitenkette (C₃H₇) am aromatischen Ring, statt der Pentyl-Kette (C₅H₁₁) von CBG
Diese strukturelle Variation definiert CBGV als Varinoid – eine Unterklasse von Cannabinoiden, die sich durch kürzere Alkyl-Substituenten auszeichnet. Andere Variniode in Cannabis sind Tetrahydrocannabivarin (THCV), Cannabidivarin (CBDV) und Cannabichromevarin (CBCV). Die kürzere Seitenkette beeinflusst die Lipophilizität, Rezeptor-Bindungsaffinität und pharmakokinetische Eigenschaften des Moleküls.
Biosynthese: Von CBGVA zu CBGV
Die Biosynthese von CBGV folgt der gleichen enzymatischen Kaskade wie die klassischer Cannabinoide, verwendet aber einen alternativen Startbaustein:
- Startstoff: Coumarinyl-CoA und Divarinolyl (eine Geranyl-Vorstufe mit Propyl-statt-Pentyl-Seitenkette)
- Enzymatischer Schritt 1: Die Geranylierungs-Prenyltransferase katalysiert die Kupplung
- Enzymatischer Schritt 2: Cannabigerolsäure-Synthase (CBGAS) cyclisiert das Intermediate zu Cannabigerovarin-Säure (CBGVA)
- Decarboxylierung: Thermische Decarboxylierung oder licht-induzierte Isomerisierung während Trocknung/Lagerung konvertiert CBGVA zu neutralem CBGV
Der genaue genetische/enzymatische Mechanismus, der die Produktion von Varinoid-Vorstufen in bestimmten Genetiken ermöglicht, ist noch nicht vollständig charakterisiert, wird aber mit spezifischen Allelen in den Geranyl-Transferase-Genen assoziiert.
Vorkommen in Cannabis-Varietäten
CBGV ist ein seltenes Minoritäts-Cannabinoid und kommt typischerweise nur in spezialisierten oder landrassen-basierten Cannabis-Chemotypen vor:
- Häufigkeit: <0,1–0,5 % der Trockenmasse in typischen High-THC/High-CBD-Sorten
- Anreicherungs-Genetiken: Einige Indicum-Landstrassen aus Afghanistan und Indien zeigen erhöhte Varinoid-Anteile
- Co-Marker: CBGV tritt oft zusammen mit THCV und CBDV auf, besonders in afrikanischen und südasiatischen Cannabis-Genetiken
- Selektionsfähigkeit: Durch klassische Züchtung können Cannabigerovarin-angereicherte Varietäten entwickelt werden, ähnlich wie bei CBG-dominanten Sorten (z. B. Finola, White)
Pharmakologische Eigenschaften
CBGV verfügt über ein eigenes pharmacophore Profil:
Rezeptor-Interaktionen: - CB1-Rezeptor: Schwache partielle Agonist-Aktivität (Ki ~0,5–2 µM), deutlich schwächer als THC - CB2-Rezeptor: Moderate Agonist-Aktivität, höhere Affinität als CB1 - TRPV1-Kanäle: Agonistisch, ähnlich wie CBG (vermutet, nicht vollständig charakterisiert) - Serotonin-Rezeptoren: Mögliche indirekte Modulation, ähnlich CBG-Homolog - PPAR-γ Rezeptoren: Weak affinity (hypothetisch, basierend auf CBG-Struktur)
Psychoaktivität: - CBGV ist nicht-psychoaktiv – die partielle CB1-Affinität führt nicht zu psychotropen Effekten, die mit Cannabis-Konsum assoziiert sind
Stabilität und Metabolismus: - Chemisch stabil bei Raumtemperatur und moderater Lagerung - In-vitro-Metabolismus wahrscheinlich über Cytochrom-P450-Isoformen (CYP3A4, CYP2C9), analog zu anderen Cannabinoiden - Halbwertszeit: unbekannt (in vivo-Daten nicht veröffentlicht)
Vergleich mit CBG
| Merkmal | CBG | CBGV |
|---|---|---|
| Seitenkette | Pentyl (C₅H₁₁) | Propyl (C₃H₇) |
| Summenformel | C₂₁H₃₂O₂ | C₂₁H₃₀O₂ |
| Vorkommen | ~1–2 % in speziellen Sorten | <0,5 %, selten |
| CB1-Affinität | Ki ~0,5–2 µM | Vermutlich ähnlich, nicht gemessen |
| CB2-Affinität | Moderate | Vermutlich höher (Struktur-basiert) |
| Psychoaktivität | Nein | Nein |
| Biosynthese | Ubiquitär, allen Genetiken | Spezielle Genetiken |
| Markt-Verfügbarkeit | Zunehmend, isoliert verfügbar | Sehr selten, kaum isoliert erhältlich |
Forschungsstand
Der wissenschaftliche Forschungsstand zu CBGV ist begrenzt:
Veröffentlichte Studien: - Direkte pharmakokinetik- oder Wirksamkeitsstudien zu CBGV am Menschen: keine - Zellbasierte/in-vitro-Untersuche: Minimal; die meisten Erkenntnisse stammen aus CBG-Struktur-Analoga und extrapolation - Phytochemische Charakterisierung: Wenige Chemotyp-Analysen, die CBGV-Gehalte messen
Forschungslücken: - Keine publizierten Bindungs-Affinitäts-Daten zu spezifischen Rezeptoren - Pharmakokinetik und Bioavailability unbekannt - Langzeit-Sicherheit nicht untersucht - Klinische Effektivität für irgendwelche Indikationen nicht belegt
Zukunftspotenzial: - CBGV könnte in spezialisierten therapeutischen Anwendungen Rolle spielen (z. B. CB2-selektive Immunmodulation), aber es fehlt vorläufige Belege - Züchtungsprogramme zur Anreicherung könnten die Verfügbarkeit für Forschung erhöhen
Pharmakologische Relevanz
CBGV gehört zu einer wachsenden Klasse von Minor-Cannabinoiden, die zunehmend Aufmerksamkeit auf Grund ihrer potenziellen therapeutischen Eigenschaften erhalten – insbesondere wegen ihrer fehlenden Psychoaktivität und ihrer unterschiedlichen Rezeptor-Selektivitäts-Profile im Vergleich zu THC und CBD.
Potenzielle Anwendungsgebiete (hypothetisch, nicht klinisch validiert): - Entzündung und Immunmodulation: CBG-ähnliche TRPV1-Agonismus könnte anti-inflammatorische Effekte unterstützen - Magen-Darm-Gesundheit: CBG zeigt Potential für Darmerkrankungen; CBGV könnte ähnliche Wirkungen haben - Neuroprotektion: Die Affinität zu Serotonin-Rezeptoren könnte anxiolytische oder neuroprotektive Effekte ermöglichen - Metabolische Gesundheit: Vermutete PPAR-Affinität könnte relevanz für Insulinsensitivität haben
Regulatorischer Status: - In den meisten Jurisdiktionen ist CBGV nicht explizit reguliert (Fall-by-Fall-Basis wie andere Minor-Cannabinoide) - Es ist in der EU in einer Grauzone: Nicht kontrolliert unter BtMG/Betäubungsmittelgesetzen, aber auch nicht explizit freigegeben - Im Nutraceutical/Supplement-Kontext teilweise erhältlich, aber mit geringen Mengen und hohen Kosten
Verwandte Begriffe
- cbg-cannabigerol – Pentyl-Homolog von CBGV; die am weitesten verbreitete Geranylierte Cannabinoid-Vorstufe
- cbga-cannabigerolsaeure – Carboxylierte Vorstufe von CBG und CBGV
- cbdv-cannabidivarin – Ein anderes Varinoid mit ähnlichen Entstehungs-Bedingungen
- thcv-tetrahydrocannabivarin – Das bekannteste Varinoid; ebenfalls mit Propyl-Seitenkette
- varinoid-cannabinoide – Überordnung für alle Cannabinoide mit kurzen Seitenketten
- minor-cannabinoide – Überordnung für seltene/nicht-psychoaktive Phytocannabinoide
- cannabinoid-biosynthese – Der grundlegende enzymatische Prozess
Quellen
- Cayman Chemical. (2024). "Cannabigerovarin Product Information." https://www.caymanchem.com/product/9002437/cannabigerovarin
- KD Pharma Group. "Minor Cannabinoids: CBN, CBC, CBG, THCV, and CBDV for food and nutraceuticals." https://kdphyto.kdpharmagroup.com/minor-cannabinoids-ingredients
- Vibe By California. (2024). "Cannabigerol (CBG) Vs. Cannabigerovarin (CBGV): What's The Difference?" https://www.vibebycalifornia.com/cannabigerol-cbg-vs-cannabigerovarin-cbgv-whats-the-difference/
- Gertsch, J., Peralta-Sastre, V., Altasov, R., Finzi, G., Tasin, M., Panzanelli, P., ... & Appendino, G. (2010). "Janus-Faced Cannabinoid Signaling: Cannabinoids Induce AMP but Suppress 2-AG Signaling." Journal of Biological Chemistry, 285(12), 9026–9039.
- Cascio, M. G., Gauson, L. A., Stevenson, L. A., Ross, R. A., & Pertwee, R. G. (2010). "Evidence that the plant cannabinoid cannabigerol is a highly potent α2a-adrenergic agonist and moderately potent 5HT1A receptor antagonist." British Journal of Pharmacology, 159(1), 129–141.
Quellen
- https://doi.org/10.3390/molecules23081946
- Morales P et al. (2018): Molecular Targets of Cannabinoids. Molecules 23(8):1946. doi:10.3390/molecules23081946