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Hanf als Tierfutter und Einstreu: Umfassende Übersicht

REVIEW

Stand: 2026-06-20

Hanf als Tierfutter und Einstreu: Umfassende Übersicht

Einleitung

Hanf (Cannabis sativa) wird zunehmend in der nachhaltigen Landwirtschaft und Tierhaltung erforscht. Während die Hanfpflanze traditionell für Fasern und Öle genutzt wird, rücken alternative Anwendungen wie Tierfutter und Einstreu in den Fokus. Diese Übersicht präsentiert aktuelle Forschungsergebnisse, praktische Anwendungen und regulatorische Rahmenbedingungen.


Hanf als Einstreu: Eigenschaften und Anwendungen

Hanfeinstreu wird aus den Stängeln der Hanfpflanze hergestellt und wird als Hanfschäben bezeichnet. Diese Form der Einstreu hat sich in der Tierhaltung etabliert und bietet mehrere praktische Vorteile. Die Materialien sind nach Angaben von Fachanbietern herbizid- und fungizidfrei, was sie für empfindliche Anwendungsbereiche geeignet macht.

Die charakteristischen Eigenschaften von Hanfeinstreu umfassen:

  • Außergewöhnliche Saugfähigkeit: Die Absorptionskapazität liegt zwischen 400-500 Prozent, was bedeutet, dass eine Einheit Hanfeinstreu das 4-5 Fache ihres Eigengewichts an Flüssigkeit aufnehmen kann
  • Allergikerfreundlichkeit: Die staubfreie und geruchsbindende Natur macht sie ideal für Pferde und andere Tiere mit Atemwegsempfindlichkeiten
  • Thermische Isolierung: Bietet gute Wärmeisolationseigenschaften in Boxen und Stalleinrichtungen
  • Schnelle Kompostierbarkeit: Setzt sich schnell zu wertvollem Dünger um und ist pH-neutral
  • Mischbarkeit: Kann mit anderen Einstreumaterialien kombiniert werden

Typische Anwendungsbereiche sind Pferdeboxen, Geflügelanlagen, Kaninchenhaltung und andere Tierhaltungssysteme. Das Material wird in 20-kg-Ballen vertrieben und kann direkt aus Futterdepots bezogen werden.


Hanf als Rinderfutter: Forschungsergebnisse des FBN

Das Forschungsinstitut für die Biologie von Nutztieren (FBN) in Dummerstorf bei Rostock führte eine wissenschaftliche Studie zur Verwendung von Hanf als Sojaersatz in der Milchkuhfütterung durch. Ziel war es, eine Reduzierung von Methan-Emissionen in der Rinderhaltung zu erreichen, ein bedeutendes Ziel der europäischen Klimapolitik.

Versuchsbedingungen und Forschungsfrage: Die Forscher testeten sogenannten Industriehanf, der nahezu keine berauschend wirkenden Cannabinoide (THC) enthält. Die zentrale Fragestellung lautete: Können Hanfblätter als Protein- und Energiequelle die proteinreichen Futtermittel wie Sojaschrot teilweise ersetzen?

Ergebnisse der Studie: Die Bilanz der Forschung fiel ernüchternd aus. Entgegen den Erwartungen zeigten sich mehrere problematische Befunde:

  • Die Kühe nahmen das Hanffutter nur unzureichend auf (geringe Futteraufnahme)
  • Die Milchleistung der untersuchten Tiere sank während des Versuchszeitraums
  • Der Zusammenhang zwischen Hanffütterung und Leistungsabfall ist bislang nicht vollständig geklärt

Trotz dieser negativen Ergebnisse bewerten die Forscher die gewonnenen wissenschaftlichen Erkenntnisse als wertvoll für die weitere Entwicklung von Fütterungsstrategien.


Hanf als Zwischenkultur und Agrarökologie

Parallel zur direkten Fütterungsstudie wurde die agrarökologische Rolle von Nutzhanf untersucht. Hier zeigen sich erhebliche Vorteile, die unabhängig von der Eignung als Futter sind.

Vorteile von Hanf als Zwischenkultur:

Hanf wird zunehmend als Zwischenkultur im Anbau wichtig, d.h. als Fruchtfolge-Element vor oder nach Getreide oder Mais. Diese erweiterte Fruchtfolge bietet mehrere agronomische und ökologische Vorteile:

  • Bodenqualitätsverbesserung: Der Hanfanbau trägt zur Strukturverbesserung und Nährstoffanreicherung bei
  • Reduktion von Pflanzenschutzmitteln: Weniger Bedarf für Herbizide und Fungizide durch natürliche Konkurrenzfähigkeit
  • CO₂-Reduktion: Der Anbau kann zur Verringerung von CO₂-Treibhausgasemissionen vom Ackerland beitragen
  • Biodiversität: Hanffelder bieten Lebensraum für verschiedene Insektenarten und Wildkräuter

Diese agrarökologischen Effekte machen Hanf attraktiv für Betriebe, die ihre Klimabilanz verbessern möchten, unabhängig von der Nutzung der Pflanze selbst.


Regulatorische Aspekte: THC-Gehalte und Futtermittelsicherheit

Die Verwendung von Hanfprodukten in Tierfuttern unterliegt strengen regulatorischen Anforderungen in Deutschland und der Schweiz. Ein zentrales Thema ist die Kontrolle des Tetrahydrocannabinol-Gehalts (THC).

Rechtlicher Status in der Schweiz: In der Schweiz ist Hanf als Futtermittel für Nutztiere de facto verboten. Dies gilt insbesondere für konventionelle Futtermittelproduktion, da keine zulassungsfähigen Hanfvarianten für die Fütterung etabliert sind.

Deutsche Regulierung: Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat sich intensiv mit der THC-Problematik in Hanferzeugnissen und deren Futtermitteleinsatz auseinandergesetzt. Zentrale Erkenntnisse:

  • THC kann in Tierfuttern zu potenziellen Gesundheitsrisiken führen, insbesondere bei sensiblen Tierarten
  • Die Dokumentation wird durch die PDF-Stellungnahme des BfR "THC in Futtermitteln aus Hanf und Hanferzeugnissen" behandelt (PMID/DOI: Verfügbar bei BfR-Dokumentation)
  • Nur Industriehanfsorten mit sehr niedrigen THC-Gehalten (<0,2% EU-Standard) kommen theoretisch in Frage

Praktische Konsequenzen: Für kommerzielle Futtermittelhersteller ist die Hanfverwendung in Deutschland stark eingeschränkt und bedarf ausführlicher Dokumentation und Konformitätsnachweise.


Hanf für Pferde: Etablierte Anwendungen

Im Gegensatz zu Rindern wird Hanf für Pferde bereits kommerziell als Futtermittel angeboten, allerdings in limitierter Form. Größere Agrarversorger wie AGRAVIS bieten Hanf als Futterpflanze für Pferde an und beschreiben es als "wertvolles Futtermittel".

Charakteristiken von Hanf für Pferdefütterung:

  • Kann als Ergänzungsfutter oder Faserfutter eingesetzt werden
  • Wird aufgrund der niedrigen Stärkegehalte für Pferde mit Stoffwechselproblemen empfohlen
  • Omega-3-Fettsäuren-reich, was die Haut- und Fellgesundheit unterstützt
  • Tendenziell besser verträglich als bei Rindern

Allerdings bleibt die Forschung zum optimalen Einsatz bei Pferden begrenzt, und Empfehlungen sollten mit Tierärzten oder Fütterungsexperten abgestimmt werden.


Perspektiven für die Hanfverarbeitung und Nutzung

Auf Grundlage der bisherigen Forschungsergebnisse und regulatorischen Erkenntnisse wird der Anbauschwerpunkt von Hanf zukünftig stärker auf alternative Nutzungsmöglichkeiten außerhalb der direkten Tierfütterung gelegt:

Primäre Zukunftsanwendungen:

  1. Textilbranche: Hanffasern als nachhaltiges Textilmaterial
  2. Bauindustrie: Hanf als Dämmmaterial (Hanfdämmplatten, -stopfwolle)
  3. Faserkomposite: Verstärkungsfasern für Kunststoffverbundwerkstoffe
  4. Einstreu und Biokunststoffe: Sekundäre Verwertung der Stängel

Fütterungsstrategie für Rinder: Als Rinderfutter werden weiterhin bewährte Kulturen mit hohem Eiweißgehalt bevorzugt: - Mais und Maissilage - Leguminosen (Luzerne, Klee) - Sojaschrot - Andere hochwertige Proteinquellen

Diese Einschätzung wird von führenden Forschungsinstitutionen vertreten und basiert auf den vorliegenden Forschungsergebnissen.


Fazit und Handlungsempfehlungen

Hanf ist für die nachhaltige Tierhaltung von begrenztem direktem Nutzen, bietet aber erhebliche agrarökologische Vorteile:

Hanf als Einstreu: Hochwertig und praktisch bewährt ✓ - Hervorragende physikalische Eigenschaften - Etablierter Markt in mehreren Ländern - Empfehlung: Ideale Einstreu für Allergiker-empfindliche Tiere

Hanf als Rinderfutter: Aktuell nicht empfohlen ✗ - Forschungsergebnisse des FBN negativ - Mangelnde Akzeptanz durch Rinder - Regulatorische Hürden

Hanf als Pferdefutter: Begrenzt anwendbar ⚠ - Kommerziell erhältlich, aber wenig erforscht - Kann als Ergänzung sinnvoll sein - Fachliche Beratung erforderlich

Hanf als Anbaukultur: Sehr empfehlenswert ✓✓ - Klimaschonend - Bodenverbesserung - Pflanzenschutzmittelreduktion - Optimale Nutzung: Faser- und Bauindustrie


Quellen und Referenzen

  • Forschungsinstitut für die Biologie von Nutztieren (FBN), Dummerstorf: Studienergebnisse zur Hanffütterung von Milchkühen (NDR Berichterstattung, Februar 2025)
  • Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): "THC in Futtermitteln aus Hanf und Hanferzeugnissen" - Stellungnahme zur Futtermittelsicherheit
  • AGRAVIS Holding: Informationen zu Hanf als Futterpflanze für Pferde
  • Futter-Einstreu.ch: Produktinformationen zu Hanfschäben
  • Administrative Richtlinien Schweiz (NSB): Regelungen zur Verwendung von Hanfprodukten in der Tierhaltung
  • Nationale und internationale Leguminosen-Forschung zur Fütterungsalternative

Stand der Recherche: Juni 2026 Sprache: Deutsch Anwendungsbereich: Bildung, Beratung, Agrarwissenschaft


Hinweis: Dieses Dokument basiert auf verfügbaren Forschungsergebnissen, regulatorischen Dokumenten und Fachquellen. Für spezifische Fütterungsentscheidungen konsultieren Sie bitte einen Tierarzt oder Fütterungsexperten.

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