Haze-Linie
Die Haze-Linie ist eine der einflussreichsten Zuchtlinien in der Geschichte moderner Cannabis-Genetik. Sie geht auf Kreuzungen tropischer Sativa-Landrassen aus den 1960er und 1970er Jahren zurück, die in Santa Cruz, Kalifornien, entwickelt wurden. Ihre Derivate prägen bis heute das globale Sortenspektrum und gelten als Maßstab für energetisierende, sativa-dominante Wirkungsprofile.
Geschichte & Ursprung
Die Haze-Linie entstand im Umfeld der Gegenkultur-Bewegung in Corralitos, Santa Cruz County, Kalifornien, wo zwei Züchter – bekannt als die Haze Brothers (R. Haze und J. Haze) – in Eigenregie experimentierten. Ihr Ziel war eine rein sativa-dominante Pflanze mit außergewöhnlichem Aroma und Wirkprofil. Über mehrere Jahre hinweg kreuzten sie sequenziell verschiedene Landrassen miteinander und selegierten konsequent auf spätblühende, aromatisch intensive Phänotypen.
Nachbar Sam the Skunkman (David Watson) hatte Zugang zu Saatgut verschiedener Herkunftslinien und spielte eine wichtige Rolle bei der frühen Entwicklung und späteren Stabilisierung. In den frühen 1980er Jahren brachte er Original-Haze-Genetik nach Holland, wo sie zur Grundlage des modernen europäischen Sorten-Ökosystems wurde.
Neville Schoenmakers, oft als "Vater der Cannabis-Züchtung" bezeichnet, gründete 1984 die erste kommerzielle Saatgutbank der Welt (The Seed Bank of Holland) und nutzte Haze A- und C-Linien systematisch für Neuzüchtungen. Sein bekanntestes Werk, Neville's Haze, ist bis heute eine der reinsten Haze-Ausdrucksformen.
Genetische Zusammensetzung
Die Original Haze entstand durch aufeinanderfolgende Kreuzungen vier verschiedener tropischer Landrassen:
- Mexikanische Landsorte × Kolumbianische Landsorte (Colombian Gold / Highland Gold)
- Ergebnis × Südindische Landsorte (Kerala-Region)
- Endergebnis × Thai-Landsorte
Das Resultat ist eine genetisch komplexe, 100 % sativa-phänotypische Linie mit breiter genetischer Basis. Jede Elternsorte trägt charakteristische Eigenschaften bei: Die kolumbianische Linie liefert den klassischen süßen, schweren Duft; die mexikanische Genetik sorgt für schnellere Reife relativ zu anderen Sativas; die Südindische Linie bringt harzige Dichte; die Thai-Genetik steuert intensive psychoaktive Tiefe und florale Komplexität bei.
Ein bekannter Phänotyp – Purple Haze – zeigte besonders ausgeprägte kolumbianische Merkmale und blaue/violette Verfärbungen unter Kälteeinfluss.
Morphologische Besonderheiten
Haze-Pflanzen zeigen ein klassisch sativa-dominantes Erscheinungsbild:
- Wuchs: Sehr hochwüchsig, oft 2–4 Meter im Freiland; lockere, ausladende Verzweigung
- Blätter: Schmal, lanzettenförmig, hellgrün; typisches tropisches Sativa-Blattbild
- Blüten: Locker strukturierte, längliche Blütenkolben; kein dichter Indica-typischer Calyx-Stack
- Blütezeit: Außergewöhnlich lang – 12 bis 16 Wochen bei Original-Linien; einige Phänotypen benötigen bis zu 20 Wochen unter Kunstlicht
- Reife im Freiland: Nur in subtropischen/mediterranen Klimazonen vollständig ausreifend; in nördlichen Breiten (Deutschland, Niederlande) kaum ohne Hybridisierung anbaubar
- Harzproduktion: Moderat bis hoch; Trichome fein und dicht über das gesamte Blattmaterial verteilt
Terpenprofil
Das Terpenprofil der Haze-Linie ist unter Cannabis-Kennern hochgeschätzt und gilt als aromatisch komplex. Dominante Verbindungen:
| Terpen | Charakternote | Funktion |
|---|---|---|
| Terpinolen | Frisch-blumig, holzig, leicht zitrusartig | Hauptleitsubstanz klassischer Haze-Phänotypen |
| Ocimen | Süß, herbal, leicht tropisch | Sekundär; unterstreicht florale Komplexität |
| Myrcen | Erdig, moschusartig | Meist moderat; in manchen Derivaten dominant |
| Limonen | Zitrus, Pampelmuse | Häufig in kolumbianisch-geprägten Phänotypen |
| α-Pinen / β-Pinen | Kiefernharz, frisch | Mittelflüchtige Komponente |
| β-Caryophyllen | Würzig, pfeffrig | Tertiär; sesquiterpene Tiefe |
Das Gesamtaroma wird oft beschrieben als: würzig-sandalholzig, zitrusfrisch, mit Räuchernoten und floralen Untertönen – ein Profil, das sich deutlich von indica-dominierten Sorten (Skunk, Kush) unterscheidet.
Bekannte Haze-Derivate
Die Haze-Linie ist genetische Grundlage einer Vielzahl kommerziell erfolgreicher Sorten:
| Derivat | Abstammung | Besonderheit |
|---|---|---|
| Neville's Haze | Original Haze A × Original Haze C | Reinste Haze-Expression; Blütezeit 14–16 Wochen |
| Super Silver Haze | Haze × Skunk × Northern Lights | Mehrfacher High Times Cannabis Cup-Gewinner (1997–1999) |
| Amnesia Haze | Haze × Südostasiatische/jamaikanische Einflüsse | Extrem hoher THC-Gehalt; in NL-Coffeeshops populär |
| Jack Herer | Haze × (Red Skunk × Northern Lights #5) | Ausgewogenes, kreativity-förderndes Profil; nach Aktivist benannt |
| Super Lemon Haze | Lemon Skunk × Super Silver Haze | Ausgeprägte Zitrus-Terpene (Limonen-dominant) |
| Blue Dream | Haze × Blueberry | Sehr breit konsumiert; entspannteres Haze-Profil |
| Purple Haze | Früher Haze-Phänotyp | Kolumbianisch-geprägt; Jimi-Hendrix-Mythologie |
| Neville's Haze × NL#5 | Neville Schoenmakers | Grundlage vieler moderner Hybridlinien |
Anbauherausforderungen
Die Haze-Linie ist anspruchsvoll und für ungeübte Anbauende nicht empfohlen:
Blütezeit: Die lange Reifezeit (12–16 Wochen) bindet erhebliche Ressourcen (Energie, Raum, Zeit). Kommerzielle Anbauer weichen daher fast ausnahmslos auf stabilisierte Hybride aus.
Klima: Original Haze gedeiht nur unter tropischen oder mediterranen Bedingungen. In Mitteleuropa ist Freilandanbau praktisch nicht realisierbar; im Gewächshaus ist Heizung und Lichtsteuerung bis weit in den Herbst nötig.
Wuchs: Die extreme Wuchshöhe erfordert erhebliche Trainingsmaßnahmen (LST, SCROG, Topping), um Raumverhältnisse in Innenanlagen zu nutzen.
Ertrag: Im Vergleich zum Zeitaufwand ist der Trockenertrag bei Original-Phänotypen moderat – kompensiert durch die außergewöhnliche Qualität.
Schimmelresistenz: Locker strukturierte Blüten sind relativ schimmelresistent (Vorteil gegenüber dichten Indica-Buds), jedoch anfällig gegenüber Thrips und Spinnmilben in langen Vegetations-/Blütephasen.
Hybridisierung als Lösung: Die Kreuzung mit Indica- bzw. Afghan-Genetik (z. B. Northern Lights) war der historische Schlüssel zur kommerziellen Nutzbarkeit der Haze-Linie – sie verkürzt Blütezeit auf 9–11 Wochen bei weitgehendem Erhalt des Haze-Charakters.
Letzte Aktualisierung: 2026-06-12
Quellen
- https://doi.org/10.3390/plants10061125
- Vergara D et al. (2021): Cannabis sativa genetics and chemotype classification. Plants 10(6):1125. doi:10.3390/plants10061125