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Labor-Ringversuch / Proficiency Testing

REVIEW Konzept Laienrelevanz: mittel

Stand: 2026-06-20

Synonyme: Interlaborvergleich Cannabis Proficiency Test Labor Ringversuch THC PT-Schema Cannabis Probenvergleich Labore Ringvergleichsprobe

Ein Labor-Ringversuch (engl. Proficiency Testing, PT) ist eine unabhängige externe Qualitätskontrolle, bei der mehrere Labore identische oder ähnliche Proben parallel analysieren, um die Richtigkeit ihrer Messergebnisse zu überprüfen und sich untereinander zu vergleichen. Im Cannabis-Bereich werden Ringversuche vor allem für THC-, CBD- und Terpen-Analytik eingesetzt, um Messunsicherheiten zu reduzieren und Akkreditierungen zu dokumentieren.

Wissenschaftliche Beschreibung

Ein Ringversuch ist ein statistisches Verfahren zur Bewertung der analytischen Leistungsfähigkeit eines Labors durch Vergleich mit anderen Laboren und mit definierten Referenzwerten. Die typische Abfolge ist:

  1. Ein Anbieter (Proficiency Testing Provider, PTP; z. B. WEPAL, FAPAS, Sigma-Aldrich) verschickt identische oder sehr ähnliche Proben an teilnehmende Labore
  2. Jedes Labor analysiert die Probe mit seinen Standard-Verfahren (z. B. HPLC, GC-MS für Cannabinoide)
  3. Die Ergebnisse werden eingesammelt und statistisch ausgewertet
  4. Der PTP berechnet den z-Score (Standardisierte Abweichung) für jedes Labor
  5. Das Ergebnis wird dem Labor als Leistungsbericht übermittelt

Ringversuche sind keine internen Qualitätskontrolle (QC-Material im Labor) und unterscheiden sich auch von Validierungsstudien (Methodenvalidierung). Sie dienen der laufenden Bewertung der Analysenqualität unter realen Bedingungen.

Was ist ein Ringversuch?

Ein Ringversuch ist eine unabhängige, externe Leistungsprobe, die von einem anerkannten Anbieter durchgeführt wird. Die charakteristischen Merkmale sind:

  • Unabhängigkeit: Die Proben stammen nicht vom Labor selbst; sie werden von einem neutralen PTP bereitgestellt
  • Vertraulichkeit: Die Identität der teilnehmenden Labore bleibt in den Ergebnisberichten meist verborgen (anonyme Vergleichsgruppe)
  • Wiederholung: Ringversuche finden mehrmals pro Jahr statt, idealerweise 2–4× jährlich pro Analysenkategorie
  • Harmonisierung: Alle teilnehmenden Labore benutzen dieselbe Probe, aber unterschiedliche Methoden und Geräte
  • Rückmeldung: Jedes Labor erhält statistische Feedback zu seiner Leistung relativ zur Gruppe

Im Cannabis-Kontext sind typische Ringversuch-Szenarien: - Gesamter THC-Gehalt in getrockneter Blüte (% w/w) - CBD-Gehalt in Isolaten oder Konzentraten - Terpen-Profile in Ölen oder Destillaten - Mikrobiologie (E. coli, Salmonellen, Schimmelpilze) - Restlösemittel-Residuen

Ablauf und Organisation

Die praktische Durchführung eines Ringversuchs folgt üblicherweise diesem Schema:

Phase 1: Probenherstellung und Versand (Woche 1–2) - Der PTP präpariert homogene Proben (z. B. 5 g Blüte-Homogenat oder 5 mL Öl-Standard) - Jede Probe erhält eine Chargennummer und wird in mehrfacher Ausführung hergestellt - Lagerbedingungen werden dokumentiert (2–25 °C, dunkel, trocken) - Proben werden an die Laborgruppe verschickt (z. B. per Kurier)

Phase 2: Analyse durch Teilnehmerlabore (Woche 2–4) - Jedes Labor analysiert die Probe mit seiner etablierten Methode - Mindestens 2 Replikate pro Parameter werden empfohlen - Alle Messdaten, Methodendetails und Unsicherheitsbudgets werden dokumentiert - Ergebnisse werden bis zu einem Stichtag an den PTP übermittelt

Phase 3: Auswertung (Woche 4–6) - Der PTP berechnet den Referenzwert (Consensus Mean oder zertifizierter Wert) - z-Scores werden für jedes Labor berechnet - Gruppierungen entstehen (z. B. nach Methode: HPLC vs. GC-FID vs. UPLC) - Visualisierungen werden erstellt (Boxplots, z-Score-Diagramme)

Phase 4: Bericht und Feedback (Woche 6–8) - Jedes Labor erhält einen individuellen Leistungsbericht mit: - Sein Messergebnis und gemeldete Unsicherheit - Den Referenzwert - Den z-Score - Vergleich mit der Gesamtgruppe und der Methodengruppe - Interpretations-Leitfaden (z. B. |z| < 2 = zufriedenstellend)

z-Score und Bewertungskriterien

Der z-Score ist die zentrale Kennzahl eines Ringversuchs. Er ist definiert als:

z = (X_i - X_ref) / σ_ref

wobei: - X_i = Messergebnis des i-ten Labors - X_ref = Referenzwert (Konsensus oder zertifizierter Wert) - σ_ref = Standardabweichung des Referenzwertes (oder vereinbarte Zielabweichung)

Interpretationsskala (ISO 13528):

z-Score Bewertung Aktion
|z| ≤ 2.0 ✓ Zufriedenstellend Keine Maßnahme
2.0 < |z| < 3.0 ⚠ Fragwürdig Methodenprüfung empfohlen
|z| ≥ 3.0 ✗ Nicht zufriedenstellend Sofortige Korrektur erforderlich

Ein z-Score von +1.5 bedeutet beispielsweise, dass das Messergebnis um 1.5 Standardabweichungen über dem Referenzwert liegt — wahrscheinlich ein systematischer Fehler (z. B. Kalibration, Matrixeffekt).

Wiederholte schlechte Ergebnisse (2 oder mehr aufeinander folgende Ringversuche mit |z| > 2.0) sind Akkreditierungen gegenüber zu melden und lösen oft Korrekturmaßnahmen aus.

Ergebnisse aus der Cannabis-Branche

Die Cannabis-Analytik hat in den letzten 10 Jahren erhebliche Fortschritte in der Ringversuch-Teilnahme gemacht, allerdings mit erheblichen geografischen Unterschieden:

Nordamerika (Kanada, USA): - Das kanadische Health Canada-Akkreditierungsprogramm fordert obligatorische PT-Teilnahme mindestens 2× pro Jahr für lizenzierte Labore - FAPAS, Sigma-Aldrich Proficiency, LGC Standards bieten etablierte Ringversuch-Schemata für Cannabis an - Typische z-Score-Streuung bei THC-Messung: -2.5 bis +2.5 (σ ca. 5–10 % des Mittelwerts) - Große Labore (z. B. Analytical Cannabis, ProVerde) zeigen konsistent z-Scores < |1.5|

Europa (CH, DE, AT, NL): - WEPAL (Wageningen Evaluating Protocols for Analysis and Testing, Niederlande) betreibt seit 2018 das WEPAL Ring Test Scheme for Cannabis - Ca. 80–120 Labore pro Durchlauf in Europa und Nordamerika - Wichtige Parameter: THC, CBD, CBN, THCA, CBDA, Restlösemittel - Konsensus-Variabilität in den letzten Ringversuchen (2023–2024): 5–8 % bei Cannabinoiden

Australien und Neuseeland: - Kleinere Zahl von Ringversuch-Providern (z. B. SAI Global) - Große Heterogenität in der Methodenlandschaft (HPLC vs. GC dominiert)

Typische Fehler aus Ringversuch-Daten: - Matrixeffekte: Labore mit schlecht kalibrierten oder nicht-linearen Detektoren zeigen höhere z-Scores in komplexen Matrices (Decarboxylat-Proben, Terpen-Mischungen) - Kalibrations-Drift: Fehler > 20 % sind oft auf veraltete oder nicht-zertifizierte Referenzmaterialien zurückzuführen - Methodenwahl: GC-basierte Methoden zeigen bei Carboxylatmessung (THCA, CBDA) größere Abweichungen als HPLC, da thermische Decarboxylation unkontrolliert verläuft

ISO/IEC 17043 und Akkreditierungspflicht

ISO/IEC 17043 ist der internationale Standard für Proficiency Testing Provider. Er definiert:

  1. Anforderungen an den PTP:
  2. Dokumentierte Probenherstellung und Homogenität-Tests
  3. Rückverfolgbarer Referenzwert (z. B. über Vergleich mit Primärmethode oder akkreditiertem Referenzlabor)
  4. Statistische Auswertung nach ISO 13528
  5. Vertraulichkeit der Laboridentitäten (Anonymität in Berichten)
  6. Akkreditierung durch nationale Akkreditierungsstellen (z. B. DAkkS in Deutschland, METAS in der Schweiz)

  7. Verbindung zu ISO/IEC 17025 (Labor-Akkreditierungsstandard):

  8. Akkreditierte Labore müssen ihre Fähigkeit nachweisen, ihre Messergebnisse in definierten Grenzen zu halten
  9. Dies wird durch regelmäßige erfolgreiche PT-Teilnahme dokumentiert
  10. Ein PT-Versagen kann zur Akkreditierungs-Suspension führen
  11. Typische Anforderung: 3 aufeinanderfolgende erfolgreiche PT-Runde ohne z > 2.0

  12. Cannabis-spezifische Anforderungen:

  13. In Kanada, Nordamerika und zunehmend Europa gelten Ringversuche als Pflicht für lizenzierte Labore
  14. Die AOAC International und einige nationale Normen (z. B. Swiss BAG) schreiben PT vor
  15. Kosten für einen Ringversuch: 150–400 € pro Parameter (je nach Umfang und PTP)

Konsequenzen bei schlechter Leistung

Ein Labor mit schlechten Ringversuch-Ergebnissen muss mit erheblichen Konsequenzen rechnen:

Akkreditierungs-Ebene: - Erste Warnung ab z = 2.0–2.5 - Akkreditierungs-Suspension oder -Widerruf ab 2–3 aufeinander folgenden Fehlern - Neubewertung durch die nationale Akkreditierungsstelle erforderlich

Geschäftliche Auswirkungen: - Kunden (Grower, Produzenten) ziehen oft ihre Proben ab, wenn ein Labor wiederholt schlechte PT-Ergebnisse veröffentlicht - In regulierten Märkten (z. B. Kanada) ist eine Kunden-Meldepflicht vorhanden ("negative PT result disclosure") - Mögliche Haftungsrisiken bei Rechtsstreitigkeiten (Prüfberichte, auf denen fehlerhafte Laborergebnisse basieren)

Remediation (Korrekturmaßnahmen): - Externe Audit oder Re-Validierung der Methode - Rekalibration von Instrumenten - Austausch oder Wartung von HPLC-Säulen, Detektoren - Schulung des analytischen Personals - Teilnahme an mehreren Ringversuchen hintereinander zur Rückgewinnung des Vertrauens

Pharmakologische Relevanz

Obwohl Ringversuche selbst keine pharmakologische Wirkung haben, ist ihre Rolle in der pharmakokinetischen und pharmakodynamischen Forschung erheblich:

  • Dosierungs-Präzision: Wenn Ringversuch-Ergebnisse zeigen, dass THC und CBD in einer Probe ungenau gemessen werden, können Patienten in klinischen Studien falsche Dosen erhalten
  • Evidenzqualität: Meta-Analysen und Systematic Reviews verlassen sich auf qualitativ hochwertige analytische Daten; schlecht akkreditierte Labore führen zu fehlerhaften Schlussfolgerungen
  • Rezeptor-Binding-Studien: Im Labor (in-vitro) gemessene Cannabinoid-Konzentrationen müssen mit dem Spektrometrie-Standard übereinstimmen, sonst sind Bindungsaffinitäten nicht vergleichbar

Verwandte Begriffe

  • validierung-analysemethode — Methodenvalidierung ist ein separater Prozess, der die Richtigkeit, Genauigkeit und Wiederholbarkeit der Analysenmethode selbst testet (z. B. Recovery-Tests, Linearitätsprüfung). Ringversuche hingegen prüfen die laufende Leistung des Labors.
  • referenzstandards-cannabinoide — Hochreine Referenzmaterialien (z. B. THCA, CBD, ≥99 % Reinheit) sind erforderlich, um ein Labor zu kalibrieren. Schlechte Referenzmaterialien führen zu systematischen Fehlern in Ringversuchen.
  • cannabinoid-recovery-matrixeffekt — Matrixeffekte in komplexen Cannabis-Proben können zu falschen z-Scores führen, wenn nicht richtig korrigiert.
  • iso-17025-akkreditierung — Der übergeordnete Akkreditierungsstandard, in den Ringversuch-Teilnahme integriert ist.
  • messunsicherheit-cannabinoid — Die Messunsicherheit eines Labors wird durch Ringversuch-Daten validiert; hohe z-Scores deuten auf unterschätzte Unsicherheiten hin.

Quellen

  • ISO/IEC 17043:2023. "Conformity assessment — General requirements for proficiency testing provider accreditation." International Organization for Standardization.
  • ISO/IEC 17025:2017. "General requirements for the competence of testing and calibration laboratories." International Organization for Standardization.
  • ISO 13528:2015. "Statistical methods for use in proficiency testing by interlaboratory comparison." International Organization for Standardization.
  • Thompson, M., Ellison, S. L. R., & Wood, R. (2006). "The international harmonized protocol for proficiency testing of chemical laboratories." Journal of AOAC International, 89(3), 843–857.
  • Paradkar, M. M., & Williams, R. L. (2012). "Quality by Design and regulatory implications for proficiency testing." Journal of Pharmaceutical and Biomedical Analysis, 69, 133–141.
  • WEPAL. "Ring Test Scheme for Cannabis — Protocol and Guidelines." Wageningen University & Research, 2018–2024.
  • Health Canada. "Licensed Producer Proficiency Testing Requirements." Health Canada Analytical Methods, 2023.
  • FAPAS & LGC Standards. "Cannabis PT Schemes — Proficiency Testing for Cannabinoid Analysis." Annual Reports 2022–2024.

Quellen

  • Pereira-Lima J et al. (2025): HPLC-UV Approaches for Cannabinoid Analysis. PMC PMID:39987442

Verwandte Begriffe

Quellen

  1. PMID
  2. ISO/IEC 17043:2023 – Conformity assessment – General requirements for proficiency testing
  3. ISO/IEC 17025:2017 – General requirements for the competence of testing and calibration laboratories
  4. WEPAL Ring Test Scheme – Internationale Ringversuche für Cannabis

Hinweis: Die Inhalte dienen ausschließlich der sachlichen Bildung und Information. Keine Werbung für Cannabis i.S.d. §6 KCanG.