LST (Low-Stress-Training, Auxin-Umverteilung)
Kurzdefinition
LST biegt Sprosse horizontal → Gravistimulus → PIN-Protein-Reorientierung → Auxin-Umverteilung → Apikaldominanz geschwächt → gleichmäßige Canopy. Geringes Risiko, reversibel, kein Gewebeschaden. Mechanistisch gut belegt durch PIN-Forschung und Canalisation-Hypothese.
Wissenschaftliche Beschreibung
Mechanismus: Gravistimulus und PIN-Reorientierung
LST-Biegung (horizontale Ausrichtung)
↓ Gravistimulus
↓ Amyloplast-Sedimentation (Statolithenzellen)
↓ PINOID-Kinase → asymmetrische PIN-Phosphorylierung
↓ PIN3/PIN1 reorientieren lateral (Unterseite)
↓ Auxin akkumuliert auf Unterseite des Sprosses
↓ Basipetaler Auxin-Strom geschwächt
↓ BRC1-Repressor in Seitenknospen entlastet
→ Seitentriebe treiben aus (gleichmäßig belichtete Kolbenstellen)
Canalisation-Hypothese und BRC1
Canalisation-Hypothese: Auxin-Fluss im Hauptspross konkurriert mit Auxin-Exportwegen aus Seitentrieben. BRC1-Transkriptionsfaktor reprimiert direkt PIN3 in Knospen → verhindert eigenen Auxin-Exportstrom der Seitentriebe.
LST schwächt den Hauptspross-Auxin-Strom → Knospen können eigene Kanalisierung etablieren → Austritt aus Dormanz.
PIN-Dynamik: Reversibilität und Notwendigkeit konsistenter Impulse
Wichtig: PIN-Polarität ist dynamisch und reversibel (endozytotisches Trafficking reguliert durch Phosphorylierung). Bei Entfernung des Training-Impulses: → PIN-Proteine reorientieren zurück → Hauptspross-Auxin-Strom re-etabliert → Apikaldominanz kehrt teilweise zurück.
Konsequenz: LST erfordert konsistentes Training (regelmäßiges Neuausrichten nach Pflanzenwachstum) für dauerhafte Wirkung.
Auxin-PIN-Rückkopplung (Selbstverstärkung)
Auxin beeinflusst PIN-Polarität und -Trafficking → Selbstverstärkungs-Schleife (Nature Communications 2024): Auxin-Umverteilung durch LST verstärkt sich zunächst selbst, bis neues Gleichgewicht erreicht. Dies erklärt warum LST nach anfänglichem Biegen effektiver wird.
Licht-Gleichmäßigkeit als zweiter Effekt
LST erzwingt horizontalere Blattverteilung → reduziert Selbstbeschattung: - Untere/mittlere Blätter erhalten mehr PPFD - Photosyntheserate pro Pflanzenfläche ↑ - Mehrere Hauptcolas auf identischer Höhe → gleichmäßige PPFD → gleichmäßige Blütenqualität
Anbau-Relevanz
- Kein Gewebeschaden: LST ideal für Ersteinsteiger und bei stresssensiblen Genetiken.
- Regelmäßiges Nachführen: Jede Woche in der Vegetationsphase → Triebe neigen zurück zu vertikaler Wachstumsrichtung.
- LST + Topping synergetisch: Topping entfernt Apikalspitze, LST verteilt Seitentriebe gleichmäßig → zusammen effektiver als jede Methode allein.
Verwandte Begriffe
- supercropping-knuckle — HST als höherinvasive Alternative
- topping — Topping als komplementäre Technik
- scrog-methodik — ScrOG als systematisiertes LST
Quellen
- New Phytologist nph.17617: PIN-Mediated Polar Auxin Transport Regulations in Plant Tropic Movements
- PMC10231355: Auxin-Independent Effects of Apical Dominance (Zucker-Signal)
- Nature Communications s41467-024-54240-y: Auxin-PIN-Rückkopplungsschleife (Selbstverstärkung)
Quellen
- https://doi.org/10.3390/horticulturae8020107
- Rodriguez-Morrison V et al. (2022): Cannabis training techniques. Horticulturae 8(2):107. doi:10.3390/horticulturae8020107