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Nabilon Tabletten - Synthetisches Cannabinoid zur Emesiskontrolle

REVIEW

Stand: 2026-06-20

Nabilon Tabletten - Medizinisches Cannabinoid

Nabilon ist ein vollsynthetisch hergestelltes Cannabinoid, das strukturell dem natürlichen Tetrahydrocannabinol (THC) ähnelt. Es wird primär zur Behandlung von chemotherapiebedingter Übelkeit und Erbrechen (Chemotherapy-Induced Nausea and Vomiting, CINV) bei Krebspatienten eingesetzt, insbesondere wenn konventionelle antiemetische Therapien unzureichend wirksam sind.

Chemische Struktur und Eigenschaften

Nabilon ist ein Ketocannabinoid mit der Summenformel C24H36O3 und einer molaren Masse von 372,55 g/mol. Die IUPAC-Bezeichnung lautet (6aR,10aR)-1-Hydroxy-6,6-dimethyl-3-(2-methyloctan-2-yl)-7,8,10,10a-tetrahydro-6aH-benzo[c]chromen-9-on. Die CAS-Nummer ist 51022-71-0. Das Substanzpulver erscheint weiß und kristallin, ist jedoch in Wasser nicht löslich und weist einen Oktanol-Wasser-Koeffizient (logP) von 7,5 auf. Im Gegensatz zu Dronabinol, das eine natürliche Derivatisierung von THC darstellt, wurde Nabilon völlig synthethisch entwickelt und wurde erstmals in den 1970er Jahren dargestellt. Die synthetische Herstellung ermöglicht eine kontrollierte und konsistente Dosierung, was einen therapeutischen Vorteil gegenüber pflanzlichen Cannabis-Präparaten darstellt.

Wirkmechanismus und pharmakologisches Profil

Nabilon wirkt als Partialagonist an den Cannabinoid-Rezeptoren CB1 und CB2 im menschlichen Körper. Die Aktivierung dieser Rezeptoren führt zu antiemetischen, analgetischen und psychotropen Effekten. Die CB1-Rezeptoren befinden sich primär im zentralen Nervensystem und sind für die antiemetische Wirkung und psychotropen Effekte verantwortlich, während CB2-Rezeptoren vorwiegend auf Zellen des Immunsystems lokalisiert sind und zu entzündungshemmenden Wirkungen beitragen. Nabilon besitzt eine höhere intrinsische Aktivität am CB1-Rezeptor im Vergleich zu Dronabinol und ist damit etwa doppelt so potent bei vergleichbarer Wirkcharakteristik (doi.org/10.1038/s41467-024-55808-4). Dies bedeutet, dass niedrigere Dosen von Nabilon erforderlich sind, um therapeutische Effekte zu erreichen, was das Nebenwirkungsprofil möglicherweise vorteilhaft beeinflusst.

Pharmakokinetik und Metabolismus

Nach oraler Aufnahme wird Nabilon rasch und vollständig resorbiert. Die maximalen Plasmaspiegel werden bereits nach etwa 2 Stunden erreicht, was eine relativ schnelle Wirkungseintritt ermöglicht. Das Verteilungsvolumen beträgt 12,5 Liter pro Kilogramm Körpergewicht. Der Metabolismus erfolgt hepatisch durch direkte Oxidation, wobei Hydroxyl- und Carboxylanaloga entstehen. Die Elimination erfolgt zu etwa 67 Prozent über die Fäzes und zu etwa 22 Prozent über den Urin. Die Eliminationshalbwertszeit des Muttersubstanz beträgt 2 Stunden, während die Metaboliten mit bis zu 35 Stunden eine deutlich längere Halbwertszeit aufweisen. Diese verlängerte Metaboliten-Halbwertszeit erklärt die relativ lange Wirkungsdauer trotz der kurzen Halbwertszeit der Muttersubstanz und ist relevant für das Verständnis der Langzeiteffekte und möglichen Kumulation bei wiederholter Dosierung.

Klinische Indikationen und Anwendungsgebiete

Die primäre zugelassene Indikation für Nabilon ist die Behandlung von chemotherapiebedingter Übelkeit und Erbrechen bei Krebspatienten, die auf andere antiemetische Behandlungen nicht adäquat ansprechen. Dies ist besonders relevant, da trotz moderner Antiemetika-Regime eine erhebliche Anzahl von Patienten unter CINV leidet, die ihre Lebensqualität erheblich beeinträchtigt und die Therapietreue gefährdet. In wissenschaftlichen Studien wurde gezeigt, dass Nabilon effektiv sowohl akutes als auch verzögertes Erbrechen reduziert (pmid: 22491047). Über den zugelassenen Bereich hinaus existiert Off-Label-Use bei Appetitmangel bei HIV-Patienten sowie bei verschiedenen Schmerzsyndromen. Die antiemetische Effizienz wird oft mit 5-HT3-Antagonisten und NK1-Rezeptorantagonisten kombiniert, um eine optimale Emesiskontrolle zu erreichen.

Dosierung und Verabreichung

Die Behandlung mit Nabilon sollte idealerweise mit einer Dosis von 1 mg am Abend vor Beginn der Chemotherapie eingeleitet werden, um den Patienten an potenzielle psychotrope Effekte zu akklimatisieren. Die empfohlene Erhaltungsdosis liegt bei 1 bis 2 mg zweimal täglich (morgens und abends). Die maximale Tagesdosis sollte 6 mg (3 × 2 mg pro Tag) nicht überschreiten, um das Risiko von Nebenwirkungen und Toxizität zu minimieren. Die Medikation sollte für mindestens 48 Stunden nach Beendigung der Chemotherapie-Zyklen fortgesetzt werden, da verzögertes Erbrechen häufig 24-48 Stunden nach der Chemotherapie-Gabe auftritt. Nabilon wird in Form von Kapseln zur oralen Anwendung mit üblicherweise 1 mg Wirkstoff pro Kapsel vertrieben. Die Fachinformation des Herstellers (Canemes®, Cesamet®) enthält detaillierte Dosierungsempfehlungen und sollte befolgt werden, da die klinische Erfahrung zeigt, dass individuelle Dosisanpassungen je nach Patiententoleranz erforderlich sein können.

Nebenwirkungen und Sicherheitsprofil

Häufig auftretende Nebenwirkungen (≥1/100, <1/10) umfassen Somnolenz, Schlafstörungen, Vertigo (Schwindel), Euphorie und Dysphorie, Kopfschmerzen, Ataxie (Bewegungsstörungen), Sehstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten, Hypotonie (niedriger Blutdruck) und Mundtrockenheit. Das psychotrope Nebenwirkungsprofil ist dem von Cannabis und THC ähnlich und kann Stimmungsschwankungen, Beeinträchtigungen der kognitiven Leistungsfähigkeit und des Gedächtnisses, Störungen der Trieb- und Impulskontrolle sowie Wahrnehmungsverzerrungen einschließlich Halluzinationen umfassen. In extremen Fällen ist ein organisches Psychosyndrom möglich. Die psychotropen und sedierenden Wirkungen werden durch gleichzeitige Einnahme von anderen Sedativa, Hypnotika, Psychopharmaka und besonders Alkohol verstärkt, weshalb diese Kombinationen vermieden oder mit besonderer Vorsicht durchgeführt werden sollten. In klinischen Studien wurden bis zu 10 mg pro Tag ohne vitale Bedrohung toleriert, und Veränderungen des mentalen Status bildeten sich innerhalb von 72 Stunden ohne zusätzliche therapeutische Maßnahmen zurück.

Wechselwirkungen und Kontraindikationen

Nabilon interagiert mit verschiedenen Arzneimittelklassen. Besonders relevant sind Wechselwirkungen mit ZNS-depressiven Substanzen (Benzodiazepine, Barbiturate, Opioide, Alkohol), da die sedierende Wirkung additiv verstärkt wird. Weitere dokumentierte Wechselwirkungen bestehen mit Anticholinergika, Antihistaminika, trizyklischen Antidepressiva, Lithium, Muskelrelaxanzien, Buspiron, Disulfiram, Fluoxetin, Phenazon, Theophyllin und Naltrexon. Absolute Kontraindikationen sind bekannte Überempfindlichkeit gegen Nabilon oder Cannabinoide sowie schwere Leberfunktionsstörungen, da Nabilon hauptsächlich über die Galle ausgeschieden wird. Relative Kontraindikationen und Vorsichtsmaßnahmen umfassen psychische Erkrankungen (insbesondere manisch-depressive Erkrankungen und Depressionen), Nierenfunktionsstörungen, Herzerkrankungen, Bluthochdruck und Vorgeschichte von Substanzmissbrauch. Nabilon ist für Personen unter 18 Jahren aufgrund mangelnder Sicherheits- und Wirksamkeitsdaten nicht empfohlen.

Schwangerschaft, Stillzeit und Reproduktionstoxizität

Tierexperimentelle Untersuchungen haben keine Hinweise auf reproduktionstoxische Wirkungen von Nabilon ergeben. Aufgrund der strukturellen Ähnlichkeit mit THC kann angenommen werden, dass bei Neugeborenen, deren Mütter während der Schwangerschaft Nabilon eingenommen haben, Entzugserscheinungen wie Unruhe und Erregbarkeit auftreten können. Während einer Therapie mit Nabilon und nach deren Beendigung sollten zuverlässige Verhütungsmethoden eingesetzt werden. Es ist nicht endgültig bekannt, ob Nabilon in die Muttermilch übergeht. Eine individuelle Risiko-Nutzen-Abwägung ist erforderlich, um zu entscheiden, ob das Stillen zu unterbrechen ist oder auf die Behandlung während der Stillzeit verzichtet werden sollte. Schwangere und stillende Frauen sollten Nabilon nur unter strenger ärztlicher Überwachung und wenn der therapeutische Nutzen die potenziellen Risiken überwiegt einsetzen.

Missbrauchspotential und kontrolierte Substanz

Aufgrund seiner psychotropen Wirkungen hat Nabilon ein ähnliches Missbrauchspotential wie Cannabis und THC. In Deutschland ist Nabilon als Betäubungsmittel klassifiziert und unterliegt den Bestimmungen des Betäubungsmittelgesetzes (BtMG). Die Verordnung erfordert ein Betäubungsmittelrezept, nicht ein gewöhnliches Privatrezept. Dies unterstreicht die Anerkennung des Missbrauchspotentials und die notwendige ärztliche Kontrolle. Benutzer sollten beachten, dass Nabilon bei Dopingkontrollen zu positiven Ergebnissen führen kann und daher von Sportlern unter Dopingkontrollen mit Vorsicht zu betrachten ist. Die Überwachung durch medizinisches Fachpersonal ist essentiell, um Missbrauch, Abhängigkeitsentwicklung und unerwünschte psychotrope Effekte frühzeitig zu erkennen und zu managen.

Vergleich mit anderen Cannabinoiden

Im Vergleich zu Dronabinol (Delta-9-THC) zeichnet sich Nabilon durch eine höhere Potenz aus – etwa das Doppelte der Aktivität am CB1-Rezeptor. Dies ermöglicht eine Dosisreduktion und möglicherweise ein besseres Verträglichkeitsprofil. Im Vergleich zu natürlichen Cannabis-Blüten oder -Extrakten bietet die synthetische Herstellung von Nabilon den Vorteil einer standardisierten und reproduzierbaren Dosierung sowie eine präzise pharmakokinetische Vorhersagbarkeit. Die antiemetische Effizienz von Nabilon ist in klinischen Studien gut dokumentiert und wird oft als gleichwertig oder überlegen gegenüber anderen Antiemetika-Klassen bewertet, besonders bei Patienten mit vorheriger Therapieresistenz. Für bestimmte Patientengruppen stellt Nabilon daher eine wertvolle therapeutische Option dar, insbesondere bei therapierefraktärer CINV.


Quellen und Referenzen

  • PMID: 22491047 - Todaro B. "Cannabinoids in the treatment of chemotherapy-induced nausea and vomiting." J Natl Compr Canc Netw. 2012
  • DOI: 10.1038/s41467-024-55808-4 - Nature Communications - CB1-Rezeptor-Potenz Vergleich
  • Fachinformation Canemes® - Zusammenfassung der Merkmale des Arzneimittels
  • DocCheck Flexikon - Medizinische Fachinformation zu Nabilon
  • Gelbe Liste Wirkstoffe - Nabilon Datenbank und Wechselwirkungen
  • FDA Full Prescribing Information Cesamet - Cesamet (Nabilone) Label Information

Verwandte Begriffe