Pflanzenarchitektur und Habitus
Kurzdefinition
Die Pflanzenarchitektur beschreibt die dreidimensionale Gesamtstruktur einer Cannabis-Pflanze — Wuchshöhe, Verzweigungsgrad, Internodienlänge und Canopy-Form — als Resultat genetischer Programme, Hormonsignale und Umweltbedingungen.
Wissenschaftliche Beschreibung
Architektur-Komponenten
Die Pflanzenarchitektur setzt sich aus messbaren Parametern zusammen:
| Parameter | Definition | Genetisch beeinflusst | Umwelt beeinflusst |
|---|---|---|---|
| Wuchshöhe | Gesamthöhe bei Ernte | Stark (h²≈0,7) | Licht, Temperatur |
| Internodienlänge | Abstand zwischen Knoten | Mittel (h²≈0,5) | Licht, Gibberelline |
| Verzweigungsgrad | Anzahl lateraler Triebe | Mittel (h²≈0,5) | Apikaldominanz, Training |
| Canopy-Breite | Horizontale Ausdehnung | Mittel | LST, ScrOG |
| Blattflächenindex (LAI) | Blattfläche/Bodenfläche | Niedrig | Defoliation, Licht |
Architektur-Typen bei Cannabis
Monopodiales Wachstum (Sativa-dominant): - Ein durchgehender Haupttrieb dominiert stark - Starke Apikaldominanz (hohe Auxin/Cytokinin-Ratio) - Christmas-Tree-Form: konische Silhouette - Viele kleine Seitentriebe; eine dominante Hauptcola - Typisch: hochwüchsige Sativa-Landrassen (2–5m outdoors)
Sympodiales / polypodiales Wachstum (Indica-dominant): - Gleichwertige Verzweigung von Beginn an - Geringere Apikaldominanz (niedrigere IAA/CK-Ratio) - Kompakte, buschige Form; viele gleichwertige Colas - Typisch: Kush/Afghani-Typen (0,5–1,5m indoors)
Ruderalis-Typ: - Sehr kompakt (30–60 cm) - Wenig Verzweigung; frühe Blüte unabhängig von Photoperiode - Minimalistische Architektur durch kurze Vegetationszeit
Hormonelle Steuerung der Architektur
Auxin (IAA) hoch → Apikaldominanz stark → monopodial
Auxin (IAA) niedrig/Cytokinin hoch → Verzweigung stark → polypodial
Gibberelline hoch → lange Internodien → hochwüchsig
Gibberelline niedrig → kurze Internodien → kompakt
Strigolactone hoch → Knospen-Dormanz → weniger Seitentriebe
Strigolactone niedrig → Knospen-Aktivierung → mehr Seitentriebe
Shade-Avoidance und Licht-Architektur
Shade-Avoidance-Response (SAR): Bei niedrigem R/FR-Verhältnis (Schattensignal) reagiert Cannabis mit: - Internodien-Streckung (Etiolement-ähnlich durch GA-Aktivierung) - Erhöhter Apikaldominanz - Aufrichtung der Blattspreiten - Reduzierter Verzweigung
Indoor: LED-Spektrum mit hohem R-Anteil → weniger SAR → kompakterer Habitus. HPS mit höherem FR-Anteil → mehr Streckung.
BBCH-bezogene Architektur-Entwicklung
- BBCH 10–19: Keimling-Architektur; einzelner Hauptspross; Kotyledonen
- BBCH 20–29: Erste Knoten; dekussate Blattstellung; Architektur noch undifferenziert
- BBCH 30–39: Charakteristischer Habitus erkennbar; Verzweigungsgrad sortentypisch
- BBCH 40–49: Volle vegetative Architektur; Streckungsphase (Internodienverlängerung)
- BBCH 51+: Reproduktive Architektur; Blütenstand-Formation
Genetische Basis der Architektur-Variation
Genomweite Studien identifizieren QTL für: - Wuchshöhe: Multiple Loci; enge Kopplung mit Blühzeitpunkt-QTL - Internodien-Anzahl: Korreliert mit Vegetationsperiodenlänge - Verzweigungsgrad: Assoziiert mit BRC1/TB1-Homologen
Biologische Auswirkungen
Die Architektur bestimmt die Lichtinterception und damit die Photosynthese-Kapazität der Gesamtpflanze. Ein hoher Blattflächenindex (LAI 3–5 optimal) maximiert Lichtabsorption. Zu hohes LAI (>6) → gegenseitige Beschattung → Popcorn-Bildung unten.
Anbau-Relevanz
Architektur-Management durch Training
| Training | Architektur-Eingriff | Ergebnis |
|---|---|---|
| Topping | Haupttrieb entfernt → Apikaldominanz gebrochen | Polypodial, gleichwertige Colas |
| LST | Biegung → Gravitropismus-Signal | Horizontale Canopy |
| ScrOG | Netz erzwingt horizontale Architektur | Gleichmäßiges Canopy |
| Mainlining | Symmetrische Verzweigung erzwungen | 8 gleichwertige Colas |
| SOG | Viele kleine Pflanzen dicht | Einzelne Hauptcola pro Pflanze |
Sortenauswahl nach Architektur
Platzmangel (kleines Zelt, <1m Höhe): Indica-dominante Kompaktsorten, Autoflower Hoher Ertrag bei Platz (2m+ Deckenhöhe): Sativa-Hybride mit Stretch-Potential ScrOG: Mittelstarke Apikaldominanz; gute Seitentrieb-Reaktion auf Training
Vegetationszeit und Architektur
Längere Vegetationszeit → mehr Knoten → mehr potenzielle Blütenansätze → höheres Ertrags-Potenzial. Aber: Verzögerter Blühstart erhöht Gesamtzykluslänge.
Verwandte Begriffe
- apikaldominanz — primärer Regulator des Verzweigungsgrades
- internodien — Internodienlänge als Architektur-Parameter
- phyllotaxis — Blattstellung als Teil der Architektur
- shade-avoidance — Licht-abhängige Architektur-Anpassung
- scrog-methodik — Canopy-Management durch Netz
Quellen
- Chandra S. et al. (2017): DOI:10.1016/j.yebeh.2016.11.021. PMID:28202339
- Salentijn E.M.J. et al. (2019): DOI:10.3389/fpls.2019.00575. PMID:31134113
- Spitzer-Rimon B. et al. (2019): DOI:10.3389/fpls.2019.01563. PMID:31921229