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Sativex (Nabiximols) - Medizinales Cannabis-Kombinationsprodukt

REVIEW

Stand: 2026-06-20

Überblick und chemische Zusammensetzung

Sativex ist ein standardisiertes Cannabis-Extrakt, der unter der Marke Sativex vermarktet wird und die USAN-Bezeichnung Nabiximols trägt. Das Produkt wurde 2010 in Großbritannien als erstes regulär zugelassenes botanisches Arzneimittel seiner Art genehmigt. Sativex enthält zwei Hauptwirkstoffe: Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) in einem standardisierten Verhältnis. Jeder Sprühstoß von 100 Mikrolittern liefert exakt 2,7 mg THC und 2,5 mg CBD aus Cannabis sativa L. (Blatt und Blüte). Das Produkt wird durch Extraktion mit flüssigem Kohlendioxid hergestellt, was eine konsistente und reproduzierbare Zusammensetzung gewährleistet. Diese botanische Standardisierung unterscheidet Sativex von anderen Cannabinoid-Präparaten, da die exakte Dosierung und das Verhältnis der Wirkstoffe in jedem Sprühstoß konsistent bleiben.

Pharmazeutische Form und Verabreichung

Sativex wird als oromukosal wirkendes Spray in einem gelblich-braunen Lösungszustand angeboten. Die Verabreichungsform wurde gezielt für die direkte Aufnahme durch die Mundschleimhaut entwickelt. Der Applikationsmechanismus erfordert ein standardisiertes Vorgehen: Der Behälter wird vor Gebrauch geschüttelt, und das Spray wird auf verschiedene Stellen der Mundschleimhaut gerichtet, wobei der Applikationsort bei jeder Anwendung gewechselt wird. Zwischen den einzelnen Sprühstößen sollte eine Pause von mindestens 15 Minuten eingehalten werden. Der Wirkstoff wird nach Aufsprühen durch die Speichelfluss von der Mundschleimhaut weggespült und anschließend durch den Magen-Darm-Trakt resorbiert. Jeder Sprühstoß enthält bis zu 40 mg Ethanol (etwa 50% Volumenanteil) und 52 mg Propylenglykol als Hilfsstoffe.

Therapeutische Indikationen und klinische Anwendungen

Sativex ist klinisch indiziert zur Verbesserung der Symptome bei erwachsenen Patienten mit mittelschwerer bis schwerer Spastizität aufgrund von Multipler Sklerose (MS), die nicht angemessen auf andere Anti-Spastizität-Medikationen reagiert haben. Die Diagnose erfordert eine gründliche ärztliche Evaluierung und ein Anfangstestphase, um die klinisch signifikante Verbesserung der spastizitätsbezogenen Symptome zu dokumentieren. In Kanada ist Nabiximols zusätzlich für die adjuvante Behandlung von neuropathischen Schmerzen bei MS und krebsbedingten Schmerzen zugelassen. Eine systematische Überprüfung der American Academy of Neurology von 2014 befand, dass Nabiximols „wahrscheinlich wirksam" für Spastizität, Schmerzen und Blasendysfunktion ist (doi: 10.1212/WNL.0000000000000363). Eine belgische Studie von 2021 zeigte „klinisch relevante symptomatische Ergebnisse" bei Patienten mit therapieresistenter MS-Spastizität (doi: 10.1186/s12883-021-02246-0, pmid: 34157999).

Dosierung und Titrationsschemata

Die Behandlung mit Sativex erfordert eine individualisierte Titration, um die optimale Dosis zu ermitteln. Die Titrationphase erstreckt sich über 14 Tage, wobei die Anzahl der Sprühstöße täglich nach einem vordefinierten Schema erhöht wird. Am ersten Tag wird eine einzelne Dosis am Abend/Abend (zwischen 16:00 Uhr und Schlafenszeit) verabreicht. Die Dosis wird täglich um einen Sprühstoß pro Tag erhöht, bis eine maximale Einzeldosis von 12 Sprühstößen pro Tag erreicht ist. Ärzte sollten Patienten darauf hinweisen, dass es bis zu 2 Wochen dauern kann, um die optimale Dosis zu finden und dass vorübergehende Nebenwirkungen, insbesondere Schwindel, auftreten können. Nach der Titrationswoche wird die erreichte optimale Dosis beibehalten. Die mediane Erhaltungsdosis in klinischen Studien lag bei 8 Sprühstößen pro Tag. Patienten können ihre Dosen im Tagesverlauf nach individueller Reaktion und Verträglichkeit verteilen. Dosisanpassungen können erforderlich sein, wenn sich die Schwere der Spastizität ändert oder wenn Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten auftreten.

Klinische Wirksamkeit und Forschungsergebnisse

Die klinischen Studien zu Sativex zeigen gemischte, aber generell positive Ergebnisse. Von zwei Phase-III-Studien zur MS-Spastizität zeigte eine eine Reduktion der Spastizität um 1,2 Punkte auf der 0-10-Punkte-Bewertungsskala (gegenüber 0,6 Punkte unter Placebo), die andere zeigte eine Reduktion um 1,0 gegenüber 0,8 Punkten. Nur die erste Studie erreichte statistische Signifikanz. Eine Metaanalyse von 2009 aus sechs Studien fand große Schwankungen in der Wirksamkeit. Eine bedeutsame Beobachtung war, dass in den Phase-III-Zulassungsstudien nur 42% der Versuchspersonen als Responder identifiziert wurden, und diese Gruppe zeigte in der placebokontrollierten Phase einen signifikanten Effekt. Für krebsbedingte Schmerzen war die Datenlage gemischter: Während die adjuvante Anwendung von Nabiximols in drei Studien sicher war, waren die Wirksamkeitsdaten widersprüchlich, und das Medikament verfehlte seinen primären Endpunkt in der ersten Phase-III-Studie. Eine 2021 veröffentlichte Studie im BMC Neurology (doi: 10.1186/s12883-021-02246-0) mit 78 Patienten mit therapieresistenter MS-Spastizität in Belgien zeigte „klinisch relevante symptomatische Ergebnisse" und unterstützte die Fortsetzung der Langzeittherapie bei geeigneten Patienten.

Nebenwirkungen und Sicherheitsprofil

Sativex wurde generell gut vertragen, zeigt aber ein bekanntes Nebenwirkungsprofil. Die häufigsten unerwünschten Wirkungen in Phase-III-Studien waren Schwindel (25%), Schläfrigkeit (8%) und Desorientierung (4%); 12% der Versuchspersonen beendeten die Behandlung wegen Nebenwirkungen. Die Schwindel-Symptome treten am häufigsten in den ersten Wochen der Behandlung auf und sind typischerweise mild bis moderat. Neurologische und psychiatrische Symptome wie Angststörungen, Illusionen, Stimmungsveränderungen und paranoide Gedanken wurden berichtet, sind aber üblicherweise mild bis moderat und klingen nach Dosisreduktion oder Therapieabbruch ab. In seltenen Fällen wurden Desorientierung, Halluzinationen und vorübergehende psychotische Reaktionen berichtet. Herz-Kreislauf-Effekte wie Veränderungen der Herzfrequenz und des Blutdrucks wurden bei der initialen Dosiseinführung beobachtet. Lokale Reaktionen an der Applikationsstelle (Stiche, Mundschmerzen, Unbehagen, Dysgeusie und Mundgeschwüre) sind häufig. In den Langzeitstudien gab es keinen Hinweis auf eine erhöhte tägliche Dosierung und die selbstberichteten Intoxikationsniveaus blieben niedrig, was darauf hindeutet, dass eine Abhängigkeit von Sativex unwahrscheinlich ist. Systematische Überprüfungen zeigen keine Evidenz für negative Auswirkungen auf die kognitiven Fähigkeiten.

Regulatorischer Status und kommerzielle Verbreitung

Sativex erhielt 2010 die erste volle regulatorische Zulassung durch die Medicines and Healthcare products Regulatory Agency (MHRA) des Vereinigten Königreichs als verschreibungspflichtiges Medikament zur Behandlung von MS-Spastizität. Dies stellte die weltweit erste vollständige regulatorische Zulassung für ein Cannabis-basiertes Arzneimittel dar. Das Produkt wurde anschließend in zahlreichen anderen Ländern zugelassen: Spanien (2010/2011), Tschechien (2011), Deutschland (2011), Dänemark (2011), Schweden (2012), Polen (2012) und Frankreich (2013). In Kanada wurde Nabiximols von Health Canada für MS-Spastizität genehmigt und erhielt eine bedingte Lizenz (NOC/c) für neuropathische Schmerzen bei MS und krebsbedingte Schmerzen. GW Pharmaceuticals entwickelte das Produkt ursprünglich und partnerte 2003 mit Bayer zur Vermarktung. 2011 lizenzierte GW die Vermarktungsrechte an Novartis für Asien (außer China und Japan), Afrika und den Nahen Osten. Das Produkt ist als nicht zugelassenes Medikament in insgesamt 28 Ländern exportiert worden, was Ärzten ermöglicht, es gemäß lokalen Vorschriften zu verschreiben. GW Pharmaceuticals erhielt eine Lizenz zur Cannabiskultur im Vereinigten Königreich und hat damit das ausschließliche Recht zur Forschung an vernebelte Cannabis-abgeleiteten Therapeutika.

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