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Stengelanatomie

REVIEW Anatomie Laienrelevanz: mittel

Stand: 2026-06-21

Synonyme: Sprossanatomie Stängelstruktur Stängelbau Hemp Stem Anatomy

Kurzdefinition

Die Stengelanatomie von Cannabis sativa besicht den Aufbau des Sprosses von außen nach innen: Epidermis mit Trichome-Rinden, kollenchymatische und sklerenchymatische Rindenzonen, leitbündeltragendes Phloem mit Bastfasern, und den holzigen Xylem-Kern (Hurd) — ein Aufbau, der sowohl mechanische Stabilität als auch langstreckigen Transport von Wasser und Assimilaten ermöglicht.

Wissenschaftliche Beschreibung

Gesamtarchitektur: Ein dikotyler Einkeimblättriger-Stängel

Cannabis sativa besitzt als Dikotyle einen atypischen primären Stängelaufbau mit folgenden Zonen (von außen nach innen):

Epidermis (mit Trichome)
│
Kortex (Parenchym + Kollenchym)
│
Bastfasern (Phloem-Fasern, sklerenchymatisch)
│
Phloem (Siebelemente + Begleitzellen)
│
Kambium (sekundäres Meristem)
│
Xylem (Holz, Tracheen + Gefäßelemente)
│
Mark (Parenchym, zentripetal)

Epidermis und Rindenparenchym

Die Epidermis ist eine einschichtige Zellschicht mit einer wachsartigen Cuticula (5–15 µm dick), die den Wasserverlust minimiert. Sie trägt die meisten Trichome-Typen: - Bulböse Trichome (0,05–0,1 mm): Sitzen direkt auf der Epidermis - Sitzende kopfige Trichome (0,1–0,3 mm): Kurzer Stiel, 8–16 Diskzellen - Gestielte kopfige Trichome (0,2–0,5 mm): Langer, lignifizierter Stiel; höchste Metabolitenproduktion

Das Rindenparenchym (5–10 Zellschichten) enthält Chloroplasten und dient der Photosynthese. Die äußeren Rindenzellen sind oft kollenchymatisch (verdickte Eckwände) — dies verleiht jungen Stängeln Flexibilität.

Bastfasern (Phloem-Seite)

Die Bastfasern sind das wertvollste Textilgewebe des Cannabis-Stängels:

Primäre Bastfasern: - Länge: 20–50 mm (max. 100 mm in hochwertigen Fasersorten) - Durchmesser: 10–40 µm - Zusammensetzung: 70–75 % Cellulose, 15–20 % Hemicellulose, 3–5 % Lignin - Anteil: 70–90 % der gesamten Bastfaser-Masse

Sekundäre Bastfasern: - Länge: ca. 2 mm - Durchmesser: ca. 15 µm - Anteil: 10–30 %

Die Sekundärwand der Bastfasern zeigt eine charakteristische Mehrschichtstruktur (S1, S2, S3-Lamellen), wobei die S2-Schicht mit einer Mikrofibrillenwinkel von 5–10° die mechanische Festigkeit bestimmt [Crônier et al. 2005]. Der Ligningehalt ist mit 3–5 % niedrig — dies verleiht den Fasern ihre Flexibilität und Textilverarbeitbarkeit.

Phloem (Siebelemente)

Das Phloem transportiert Assimilaten (Saccharose, Aminosäuren) von den photosynthetisch aktiven Blätter zu den Speicher- und Wachstumsorten. Es besteht aus: - Siebelemente: Enukleierte Zellen mit Siebplatten; funktionell aktiv für 1–2 Jahre - Begleitzellen: Dicht mit Siebelementen verbunden; energiereich (viele Mitochondrien) - Phloem-Parenchym: Speicher und laterale Verteilung

Kambium

Das vasculäre Kambium ist ein sekundäres lateral-Meristem, das nach innen Xylem (Holz) und nach außen Phloem (Rinde) produziert. Bei Cannabis ist die sekundäre Dickenzunahme begrenzt im Vergleich zu Gehölzen — der Stängel erreicht seinen Enddurchmesser meist innerhalb von 60–90 Tagen.

Xylem und Hurd (Holzkern)

Der holzige Kern (Hurd) macht 65–75 % des Stängelgewichts aus:

Komponente Anteil
Cellulose 40–48 %
Hemicellulose 18–25 %
Lignin 21–28 %
Pektin 2–3 %
Extrakte 2,2 %
Asche 1,4 %

Die Xylem-Tracheen (Durchmesser 20–80 µm) transportieren Wasser und Mineralien von den Wurzeln zu den Blättern. Die Tracheen sind durch Pit-Paare (kreisrunde oder gestreifte Tüpfel) verbunden. Der hohe Ligningehalt (21–28 %) macht die Hurd wasserundurchlässig und mechanisch stabil.

Mark (Pith)

Das Mark im Zentrum des Stängels besteht aus großen, dünnwandigen Parenchymzellen. Bei jungen Pflanzen ist es intakt; bei älteren Pflanzen kollabiert es oft → Markhöhle („pith cavity"). Die Markzellen dienen als Stärke- und Wasserspeicher.

Leitbündel-Architektur

Cannabis besitzt kollaterale, offene Leitbündel mit Fascicular- und Interfascicular-Kambium. Die Anzahl der Leitbündel variiert: - Unterer Stängel: 15–25 primäre Bündel - Oberer Stängel: 8–15 Bündel - Bündelabstand: 0,2–0,5 mm

Die Interfascicular-Bastfasern (zwischen den Bündeln) sind kürzer und dicker als die Fascicular-Bastfasern (innerhalb der Bündel).

Primäre vs. Sekundäre Bastfasern

Merkmal Primäre Fasern Sekundäre Fasern
Ursprung Prokambium (primäres Wachstum) Kambium (sekundäres Wachstum)
Länge 20–100 mm 0,5–2 mm
Durchmesser 10–40 µm 10–20 µm
Anteil 70–90 % 10–30 %
Qualität Textil-tauglich Papier/Non-woven

Anatomie der Knoten

Die Knoten (Nodes) sind anatomisch komplexer als die Internodien: - Tracheäre Verbindungen: Xylem-Gefäße verzweigen horizontal in die Blattspur - Knoten-Parenchym: Verdickt, mit hoher Stärkespeicherung - Meristem-Aktivität: Axilläre Knospen enthalten aktive Meristemen → Seitensprossbildung - Festigkeit: Knoten sind mechanisch verstärkt → Biegung erfolgt bevorzugt an Internodien

Anbau-Relevanz

  • Standfestigkeit: Der Ligningehalt und die Dicke der Bastfasern bestimmen die Widerstandsfähigkeit gegen Wind und Lodging; Kalium und Silizium fördern die Lignifizierung
  • Bewässerungsmanagement: Der Wassertransport über Xylem-Tracheen ist abhängig vom Transpirationsstream; Wassermangel führt zu verkürztem Internodien-Wachstum und reduzierter Faserlänge
  • Erntezeitpunkt (Faserhanf): Männliche Pflanzen werden 2–3 Wochen vor Weibchen geerntet (höherer Faseranteil, geringerer Ligningehalt); Weibliche Pflanzen bei Samenreife für maximalen Faserertrag
  • Dünnere Stängel bei hoher Dichte: Hohe Pflanzdichte (>30 Pflanzen/m² für Faserhanf) → schlankere Stängel mit höherem Bast:Hurd-Verhältnis → bessere Faserqualität
  • Mechanische Verarbeitung: Die Trennung von Bast und Hurd (Dekortikation) nutzt die natürliche Trennschicht zwischen Phloem und Xylem; Kenntnis der Anatomie optimiert den Prozess
  • Biomasse-Gehalt: Für Hempcrete und Biokomposite ist der Hurd-Anteil (65–75 %) entscheidend; Sorten mit großem Stängeldurchmesser bevorzugt

Verwandte Begriffe

  • lignifizierung — Verholzung der Zellwänden; entscheidend für mechanische Eigenschaften von Bastfasern und Hurd
  • phyllotaxis — Blattanordnung; Knoten-Positionen bestimmen die Verteilung der Leitbündel
  • xylem-phloem — Leitbündel-System; Wasser- und Assimilat-Transport
  • bast-fasern — Phloem-Fasern; primärer Faserrohstoff
  • trichom-typen — Trichome auf der Stängel-Epidermis; Verteilung variiert mit Knoten-Position
  • sekundaerwand — Sekundärwand-Struktur; Mehrschichtigkeit bestimmt Festigkeit

Quellen

  • Basak M et al. (2025): A critical review of industrial fiber hemp anatomy, agronomic practices, and valorization into sustainable bioproducts. BioResources 20(2):5030–5070. DOI:10.15376/biores.20.2.Basak
  • Amaducci S et al. (2015): Key cultivation techniques for hemp in Europe and China. Ind Crops Prod 68:2–16. DOI:10.1016/j.indcrop.2014.06.041
  • Crônier D et al. (2005): Multilayered structure of the secondary wall of the hemp fibre. Cell Biol Int 29(11):939–945. DOI:10.1016/j.cellbi.2005.08.007
  • Salentijn EMJ et al. (2015): New developments in fiber hemp (Cannabis sativa L.) breeding. Ind Crops Prod 68:32–41. DOI:10.1016/j.indcrop.2014.08.011
  • van der Werf HMG et al. (1994): Crop physiology of fibre hemp (Cannabis sativa L.). Eur J Agron 3(1):1–16.

Verwandte Begriffe

Quellen

  1. A critical review of industrial fiber hemp anatomy, agronomic practices, and valorization into sustainable bioproducts. BioResources 20(2):5030–5070 (2025) DOI
  2. Key cultivation techniques for hemp in Europe and China. Ind Crops Prod 68:2–16 (2015) DOI
  3. Multilayered structure of the secondary wall of the hemp fibre. Cell Biol Int 29(11):939–945 (2005) DOI
  4. New developments in fiber hemp (Cannabis sativa L.) breeding. Ind Crops Prod 68:32–41 (2015) DOI
  5. van der Werf HMG et al. (1994): Crop physiology of fibre hemp (Cannabis sativa L.). Eur J Agron 3(1):1–16. (1994)

Hinweis: Die Inhalte dienen ausschließlich der sachlichen Bildung und Information. Keine Werbung für Cannabis i.S.d. §6 KCanG.