Topping vs Fimming – Hochstress-Trainingstechniken im Cannabis-Anbau
Topping und Fimming sind zwei der wichtigsten Hochstress-Trainingstechniken (High-Stress Training, HST) im Cannabis-Anbau. Beide Methoden beeinflussen die Pflanzenmorphologie, die Nährstoffverteilung und letztlich die Ernte. Während sie ähnliche Ziele verfolgen – eine buschigere Pflanze mit mehr Blütensäulen zu schaffen – unterscheiden sie sich in ihrer Ausführung, dem Zeitpunkt und ihren spezifischen Effekten auf die Pflanzenphysiologie erheblich.
Grundlagen der Hochstress-Trainingstechniken
High-Stress-Training-Methoden wie Topping und Fimming greifen direkt in die apikale Dominanz der Cannabis-Pflanze ein. Die apikale Dominanz beschreibt die natürliche Tendenz der Pflanze, einen starken, zentralen Hauptstamm (Apikale Meristem) auszubilden, während Seitentriebe unterdrückt werden. Dieses Phänomen wird durch das Hormon Auxin reguliert, das in der Spitzenknospe konzentriert ist und das Wachstum von Seitenknospen hemmt.
Bei beiden Trainingstechniken wird diese hormonelle Balance unterbrochen. Die Pflanze reagiert auf den "Stress" des Schnitts oder der Entfernung der apikalen Meristem mit einer hormonellen Umstrukturierung: Auxin wird gleichmäßiger in den verbleibenden Wachstumspunkten verteilt, was zum Wachstum mehrerer neuer Hauptstämme führt. Nach der Forschung zu Pruning-Techniken bei Industriehanf zeigen Cannabis-Pflanzen signifikante morphologische und biochemische Anpassungen auf verschiedene Stufen des Topping (PMID: 38098571).
Topping – Präziser Schnitt für kontrolliertes Wachstum
Topping ist die direktere und präzisere der beiden Techniken. Dabei wird die oberste Wachstumsspitze der Pflanze, typischerweise etwa 1–2 cm über dem obersten Blattknoten, mit einem sterilen Messer oder einer Schere abgeschnitten. Dies entfernt vollständig die apikale Meristem und die unmittelbar darunter liegenden Wachstumspunkte. Die Ausführung erfordert Sorgfalt: Der Schnitt sollte sauber und steril sein, um Infektionen zu vermeiden. Die beste Schnittposition liegt direkt über einem Blattknoten mit mindestens zwei etablierten lateralen Blattzweigen.
Nach dem Topping vergehen typischerweise 3–7 Tage, bis die Pflanze die hormonelle Störung "verarbeitet" hat. Dann entwickeln sich die beiden obersten Seitentriebe explosionsartig zu neuen Hauptstämmen. Ein signifikanter Vorteil des Topping ist die Vorhersehbarkeit: Nach einem Topping entstehen in etwa 80–90 % der Fälle zwei hauptsächliche neue Triebe. Züchter können nach dem ersten Topping nach 1–2 Wochen weitere Toppingvorgänge durchführen, um noch buschigere Strukturen zu schaffen (Multiple Topping).
Fimming – Unkonventioneller Schnitt mit variabler Auswirkung
Fimming steht for "F*** I Missed It". Im Gegensatz zum präzisen Topping wird beim Fimming nur etwa 75 % der apikalen Meristem entfernt, indem man mit einer Schere oder den Fingern etwa die obersten 1/4 bis 1/3 der Spitzenknospe "zerzaust" oder quetscht. Der Schnitt ist absichtlich impräzise. Dies führt zu einer weniger einheitlichen Reaktion: Statt zwei deutlich sichtbaren neuen Hauptstämmen können 3–8 neue Wachstumsspitzen entstehen.
Die Variabilität des Fimming macht die Pflanzenmorphologie weniger vorhersehbar. Ein Vorteil des Fimming ist, dass es weniger schädlich wirkt als Topping – die Erholungszeit ist oft kürzer (2–3 Tage statt 5–7 Tagen). Allerdings ist auch das Infektionsrisiko geringer, da die Schnittflächen weniger exponiert sind.
Studienlage
Die wissenschaftliche Evidenz für Trainingstechniken im Cannabas-Anbau wächst stetig. Crispim Massuela et al. (2022, PMID:35009146) untersuchten systematisch den Einfluss von Erntezeitpunkt und Pruning-Technik auf CBD-Konzentration und -Ertrag medizinischen Cannabis und fanden signifikante Unterschiede zwischen verschiedenen Schnittmethoden. Yep & Zheng (2020, DOI:10.1139/cjps-2020-2107) analysierten die Reaktion von Cannabis auf Kalium- und Phosphordüngung und zeigten, dass Nährstoffversorgung und Training synergistisch auf die Pflanzenarchitektur wirken können.
Gaudreau et al. (2020) demonstrierten, dass zeitlich optimiertes Topping den Ertrag in Cannabis-Produktion steigern kann. Danziger & Bernstein (2021) zeigten in zwei Studien, dass Pflanzenarchitektur-Manipulation die chemische Standardisierung in medizinischem Cannabis verbessert und die Einheitlichkeit der Cannabinoid-Profile erhöht. Diese Befunde unterstreichen die klinische Relevanz präziser Trainingstechniken.
Physiologische und biochemische Effekte auf die Pflanze
Sowohl Topping als auch Fimming triggern eine komplexe physiologische Antwort in der Cannabis-Pflanze. Nach einem High-Stress-Training-Ereignis erlebt die Pflanze einen kurzfristigen Wachstumsstop (typischerweise 3–10 Tage). Während dieser Zeit konzentriert sich die Pflanze auf Wundheilung, hormonelle Neustrukturierung und die Reallokation von Nährstoffen zu den neu aktivierten Wachstumspunkten.
Parallel dazu verändert sich das Verhältnis von Gibberellinen, Auxinen und anderen Phytohormonen. Dies führt nicht nur zu morphologischen Veränderungen, sondern kann auch die Terpenzusammensetzung und die Cannabinoid-Profile beeinflussen. Einige Studien deuten darauf hin, dass das Stressereignis die Pflanze zu erhöhter Terpenproduktion anregt – möglicherweise als Stressabwehrmechanismus.
Klinische Relevanz
Für die medizinische Cannabis-Produktion sind Topping und Fimming von hoher Relevanz, da sie die Homogenität der Pflanzenarchitektur und damit die chemische Einheitlichkeit der Ernte verbessern. Danziger & Bernstein (2021) zeigten, dass standardisierte Pflanzenarchitektur zu konsistenteren Cannabinoid-Profilen führt – ein kritischer Faktor für GMP-konforme Produktion. Die Wahl der richtigen Trainingstechnik kann somit direkt die pharmazeutische Qualität des Endprodukts beeinflussen.
Verwandte Mechanismen
- Auxin-Transport und apikale Dominanz: Der Schnitt unterbricht den polarisierten Auxin-Transport von der Sprossspitze nach unten, was die Hemmung der Seitentriebe aufhebt
- Cytokinin-Akkumulation: Nach dem Schnitt akkumulieren Cytokinine in den lateralen Knospen, was ihre Aktivierung fördert
- Jasmonat-Signalweg: Wundstress aktiviert die Jasmonsäure-Biosynthese, die die Produktion von Sekundärmetaboliten stimulieren kann
- Gibberellin-Homöostase: Veränderungen im Gibberellin-Metabolismus beeinflussen das internodale Wachstum und die Gesamtpflanzenhöhe
- Stress-induzierte Terpenproduktion: Mechanischer Stress kann die Expression von Terpen-Synthasen hochregeln
Sicherheitsprofil
Beide Techniken sind bei korrekter Anwendung sicher für die Pflanze, bergen aber Risiken: Infektionen durch nicht sterile Werkzeuge, Überstress durch zu häufiges oder zu spätes Training, und Ertragsverlagen durch unzureichende Erholungszeit. Autoflowering-Sorten reagieren empfindlicher auf HST, da ihre Vegetationsphase genetisch festgelegt ist und keine Verlängerung möglich ist.
Anbau-Praxis
- Timing: Topping/Fimming idealerweise in Woche 3–6 der Vegetation durchführen
- Sterilität: Alle Werkzeuge vor jedem Schnitt desinfizieren (70% Isopropanol)
- Erholungszeit: Mindestens 1–2 Wochen zwischen mehrfachen Topping-Vorgängen
- Nährstoffmanagement: Leichter Nährstoffboost (erhöhter Stickstoff) nach dem Training kann die Erholung beschleunigen
- Kombination mit LST: Topping/Fimming können mit Low-Stress-Training (Bending, Scrogging) kombiniert werden
- Nicht in der Blütephase: Beide Techniken sollten nicht in der Blütephase angewendet werden
- Monitoring: Nach dem Eingriff täglich auf Welke, Verfärbung und Infektionszeichen prüfen
Zukunftsperspektiven
Die Optimierung von Trainingstechniken durch präzise, genetik-spezifische Protokolle ist ein aktives Forschungsfeld. Yep & Zheng (2020) zeigten, dass die Interaktion zwischen Nährstoffversorgung und Training komplexe Auswirkungen auf die Pflanzenphysiologie hat, die noch nicht vollständig verstanden ist. Zukünftige Studien sollten die Interaktion von Genotyp, Umwelt und Training untersuchen, um evidenzbasierte Empfehlungen für verschiedene Kultivierungsszenarien zu entwickeln. Die Integration von Hochdurchsatz-Phänotypisierung und maschinellem Lernen könnte die Optimierung von Training-Protokollen für spezifische Sorten und Produktionsziele ermöglichen.
Quellen
- Crispim Massuela D et al. (2022): Impact of Harvest Time and Pruning Technique on Total CBD Concentration and Yield. Plants. PMID:35009146. DOI:10.3390/plants11010140
- Yep B & Zheng Y (2020): Response of Cannabis sativa to potassium and phosphorus fertilization. Can J Plant Sci. 100(6):689-698. DOI:10.1139/cjps-2020-2107
- Gaudreau S et al. (2020): Early topping: an alternative to standard topping increases yield. Plant Sci Today. DOI:10.14719/pst.2020.7.4.927
- Danziger N & Bernstein N (2021): Plant architecture manipulation increases cannabinoid standardization. Ind Crops Prod. DOI:10.1016/j.indcrop.2021.113528
- Danziger N & Bernstein N (2021): Shape matters. Plants. PMID:34579367. DOI:10.3390/plants10091834
- Backer R et al. (2019): Closing the Yield Gap for Cannabis. Front Plant Sci. PMID:31031786. DOI:10.3389/fpls.2019.00495