Blütenstand (Cola)
Kurzdefinition
Als Cola bezeichnet man den dichten, aus vielen Einzelblüten zusammengesetzten Blütenstand der weiblichen Cannabispflanze — der Hauptblütenstand an der Triebspitze wird als Hauptcola (Apex-Cola) bezeichnet, die seitlichen als Seitencolas.
Wissenschaftliche Beschreibung
Botanische Einordnung
Der Blütenstand von Cannabis sativa ist botanisch eine Ähre (Spica) bzw. ein zusammengesetzter Blütenstand (zusammengesetzte Ähre/Thyrsus). Die Einzelblüten sind apetal (ohne Kronblätter) und windbestäubt (anemophil). Jede Einzelblüte besteht aus:
- Braktee (Tragblatt): modifiziertes Blatt, das die Einzelblüte umhüllt und dicht mit glandulären Trichomen besetzt ist
- Perianth (Blütenhülle): stark reduziert, aus 5 verwachsenen Sepalen
- Pistill: mit zwei Narben (Stigmata) und einer basalen Samenanlage (Ovulum)
Die Cola entsteht durch akropetale Abfolge von Einzelblüten entlang einer gestreckten Blütenachse (Rachis). Bei unvebestäubten (Sinsemilla-)Pflanzen schwellen die Brakteen stark an und bilden das charakteristische „Bud"-Erscheinungsbild.
Cola-Typen und Architektur
| Typ | Position | Entstehung | Größe |
|---|---|---|---|
| Hauptcola (Apex-Cola) | Sprossspitze | Apikalmeristem | Größte; profitiert von Apikaldominanz |
| Seitencola | Laterale Achseln | Achselknospen nach Verzweigung | Kleiner; gleich groß nach Topping |
| Popcorn-Buds | Unterste Triebe | Lichtmangel, geringe Assimilat-Zufuhr | Klein, locker |
Die Hauptcola ist bei unmanipulierten Pflanzen durch Apikaldominanz (Auxin-Gradient) bevorzugt versorgt. Nach Topping entstehen 2 gleichwertige Hauptcolas aus den Achselknospen unterhalb des Schnitts.
Morphologische Entwicklung (BBCH-Skala)
- BBCH 51: Erste Pistille sichtbar in Blütenachseln — Colas noch nicht erkennbar
- BBCH 55–59: Elongation der Blütenachse; Brakteen beginnen sich zu stapeln
- BBCH 61–65: Cola-Struktur klar erkennbar; starkes Volumenwachstum
- BBCH 67–69: Maximales Volumen; Trichome von klar → milchig; Pistille beginnen Retraktion
- BBCH 85–89: Vollreife; Trichome milchig→bernstein; Pistille >70% orange
Sinsemilla-Effekt
Unvebestäubte Pflanzen (Sinsemilla = „ohne Samen") leiten ihre biochemische Energie vollständig in die Produktion von Cannabinoiden und Terpenen um, anstatt Samen zu entwickeln. Dies führt zu: - 3–5× höherer Cannabinoid-Konzentration im Blütengewebe als bei bestäubten Pflanzen - Stärkerem Anschwellen der Brakteen (Scheinschwangerschaft der Samenanlage) - Längerer Blütezeit bis zur Trichom-Reife
Cola-Dichte: Indica vs. Sativa
Indica-dominante Genetiken bilden typischerweise dichte, kompakte Colas mit enger Internodien-Abstand (kurze Rachis). Sativa-dominante Genetiken zeigen lockerere, längere Colas mit weiterem Internodienabstand — evolutionär vorteilhaft in feuchten Tropenklimates durch bessere Luftzirkulation (Botrytis-Prävention).
Quantitative Parameter
- Trichom-Dichte auf Brakteen: 1.000–5.000 glanduläre Trichome/mm² (je nach Genetik)
- THC-Konzentration: 15–30% in guten Sinsemilla-Colas (modern selektierte Sorten)
- Cola-Frischgewicht: 5–150g pro Seitencola; bis 400g bei Hauptcola (indoor optimiert)
Biologische Auswirkungen
Die Cola-Entwicklung ist der sichtbare Ausdruck des reproduktiven Programms: Das apikale Meristem wechselt nach Blühinduktion seine Identität von vegetativ (Blätter produzierend) zu reproduktiv (Blüten produzierend). FT-Protein (Florigen) aus den Blättern aktiviert im SAM die MADS-Box-Transkriptionsfaktoren (AP1, LFY-Homologe), die Braktee- und Blüten-Identitätsgene einschalten. Die Elongation der Blütenachse wird durch Gibberelline gefördert.
Anbau-Relevanz
Optimierung der Cola-Entwicklung
Licht: PPFD 800–1200 µmol/m²/s in der Blütephase; gleichmäßige Ausleuchtung reduziert Popcorn-Bildung unten.
Canopy-Management: ScrOG und SOG-Methoden zielen darauf ab, möglichst viele Triebspitzen (potenzielle Colas) auf gleichem Lichtniveau zu halten — maximale Ausnutzung der Photonenenergie.
Trainings-Einfluss auf Cola-Verteilung: - Unmanipuliert: 1 große Hauptcola + viele kleine Seitencolas - Topping bei Knoten 4: 2 gleichwertige Hauptcolas - Mainlining (3× Topping): 8 gleichwertige Colas - ScrOG: Dutzende gleichwertige Colas auf Netzhöhe
Cola-Qualitätsmarker für Erntezeitpunkt: 1. Trichomfarbe: klar → milchig → bernstein (Lupe 60×) 2. Pistill-Retraktion: >70% orange/rot eingezogen 3. Cola-Festigkeit: leichtes Nachgeben beim Drücken = reif 4. Kelch-Schwellung: Maximum erreicht
Häufige Fehler: - Zu frühe Ernte (Colas noch nicht voll entwickelt, Trichome noch klar) - Lichtbrand durch zu nahe LED-Position → Trichom-Schäden an Colaoberfläche - Unzureichende Luftzirkulation → Botrytis in dichten Indica-Colas
Verwandte Begriffe
- brakteen-calyx — Einzelstrukturen, aus denen die Cola aufgebaut ist
- trichom-typen — Harzdrüsen auf Brakteen; enthalten Cannabinoide
- apikaldominanz — bestimmt Haupt- vs. Seitencola-Verteilung
- ernte-timing — Cola-Reife als primäres Ernte-Signal
- scrog-methodik — Training zur gleichmäßigen Cola-Verteilung
Quellen
- Small E. (2017): Cannabis: A Complete Guide. CRC Press. ISBN 9781498761635
- Russo E.B. et al. (2008): DOI:10.1093/jxb/ern260. PMID:18987258
- Caplan D. et al. (2019): DOI:10.21273/HORTSCI14086-19