Kurzdefinition
Ein Cannabis-Extrakt mit dem kompletten Spektrum von Cannabinoiden, Terpenen und Pflanzenstoffen, der die synergistischen Wirkungen zwischen den Inhaltsstoffen bewahrt (Entourage-Effekt).
Wissenschaftliche Beschreibung
Cannabis-Vollextrakt-Öle enthalten ein breites Cannabinoid-Spektrum (THC, CBD, CBG, CBC, CBN etc.), Terpene (Myrcen, Limonen, Linalool u.a.), Flavonoide und Polyphenole. Im Gegensatz zu isolierten Cannabinoiden profitieren Vollextrakte vom Entourage-Effekt: die synergetische Wechselwirkung zwischen Stoffen verstärkt die biologische Aktivität (Russo & McPartland, 2003). Die Terpene modulieren die Permeabilität der Blut-Hirn-Schranke, während Flavonoide entzündungshemmend wirken. Extraktionsmethoden (Ethanol, CO₂, Olivenöl) beeinflussen das Profil; Ethanol ergibt ein breiteres Spektrum als CO₂.
Spektrum & Synergieeffekte
Vollextrakte enthalten typischerweise: - Cannabinoide: THC (bis 20–25%), CBD (bis 15%), CBG (0,5–3%), CBC (0,1–2%), CBN (0,1–1%) - Terpene: 0,5–2% (Myrcen, β-Caryophyllen, Linalool, Limonen, α-Pinen) - Flavonoide: Orientin, Isovitexin, Quercetagetin (~0,3%)
Der Entourage-Effekt (Russo, 2019) beschreibt, wie terpenhaltige Extrakte eine stärkere Wirkung zeigen als THC allein. Beispiel: Myrcen erhöht die THC-Permeabilität durch die Blut-Hirn-Schranke um ~30%, sodass Patienten bei gleicher Dosis höhere Effekte erleben.
Extraktionsmethoden
Ethanol-Extraktion: Herstellung durch Maceration oder Perkolation mit hochprozentigen Alkoholen (95%+ Ethanol). Löst Cannabinoide, Terpene und Flavonoide. Vorteil: breites Spektrum. Nachteil: höherer Terpen-Verlust durch Verdampfung, verbleibende Ethanolreste.
CO₂-Extraktion (überkritisch): Umweltfreundlicher, aber höherer Kosten. Bewahrt Terpene besser, liefert aber weniger Flavonoide.
Olivenöl-Infusion: Kalt, keine Lösungsmittelreste, aber schwächere Extraktion (max. 5–8% Cannabinoide), längere Haltbarkeit jedoch schwächer.
Zusammensetzung & Stabilität
Rohöl vs. decarboxyliert: - THCA/CBDA-dominant (roh): Nicht-psychoaktiv. Entzündungshemmend durch Säure-Isomere. Halbwertszeit > 1 Jahr bei <15°C. - THC/CBD-dominant (erhitzt): Psychoaktiv. Decarboxylierung bei 110–120°C für 30–40 Min aktiviert volle Potenz.
Lagerung: Kühl (<15°C), dunkel, luftdicht. Ethanol-basierte Öle 2–3 Jahre stabil; Olivenöl-Infusionen 1–2 Jahre (schnellere Oxidation durch hohen Wassergehalt).
Konsumformen & Dosierung
Oral (sublinguale oder mit Speisen): - Dosierung: 5–10 mg THC (Anfänger) bis 50 mg+ (erfahrene Nutzer) - Tropfenzähler oder Spritze: Typisch 1 ml = 5–25 mg THC - Onset: 45–120 Min (oral), 15–30 Min (sublingual)
Topische Anwendung: Creme oder Salbe (kein psychoaktiver Effekt).
Rektale Anwendung: Stärkere Bioverfügbarkeit als oral (~50% vs. 20%).
Praktische Konsumption & Vorteile
Anfänger: Start mit 2,5–5 mg THC, alle 2 Wochen erhöhen (Titration). Vollextrakte wirken subtiler und gleichmäßiger als reine THC-Isolate.
Medizinische Nutzer: Neuropathische Schmerzen, Schlaf, Entzündung profitieren von Vollextrakt-Profilen mehr als von reinem THC/CBD (Russo, 2018).
Langzeitlagerung: Vakuumierte, gekühlte Behälter (Glas mit Silikon-Deckel) für >1 Jahr.
Vergleich zu Isolaten & Edibles
| Aspekt | Vollextrakt-Öl | THC-Isolat | Edibles |
|---|---|---|---|
| Entourage-Effekt | ✓ Ja (Terpene, Flavonoide) | ✗ Nein | ~ Variabel (je nach Extrakt) |
| Onset (oral) | 1–2 h | 1–2 h | 1–3 h |
| Lagerung | 2–3 Jahre | >5 Jahre | 1–2 Jahre (Verfallsdatum) |
| Dosierungspräzision | Gut (Tropfen) | Sehr gut (gemessen) | Variabel (Homogenität) |
| Geschmack | Hanf-typisch | Neutral | Überlagert |
| Medizinisches Profil | Breit | Eng | Breit |
Vollextrakte bieten die beste Balance zwischen Effektivität (durch Entourage) und praktischer Konsumierbarkeit.
Biologische Auswirkungen
Die Cannabinoide im Vollextrakt binden an CB1 (Gehirn, zentral) und CB2 (Immunsystem, peripher). Terpene modulieren diese Effekte: β-Caryophyllen bindet selbst an CB2, Myrcen erhöht THC-Penetration. Im Darm wird das Öl von Lipoproteinen transportiert; die Leber metabolisiert THC zu aktiven Metaboliten (11-OH-THC), die durchdringen leichter die Blut-Hirn-Schranke als THC selbst. Gesamtdauer: 4–8 h psychoaktive Effekte.
Konsumrelevanz
Auswahl für Konsumenten: 1. Rohes THCA-Öl (nicht erhitzt): Für entzündliche Erkrankungen, ohne Rausch. 10–20 mg/Tag. 2. Decarboxyliertes THC-Öl (1:1 oder THC-dominant): Für psychoaktive Effekte, Schmerz, Schlaf. 5–50 mg je nach Toleranz. 3. CBD-dominiertes Öl (20:1 CBD:THC): Für Anfänger, Angst, Nicht-Intoxikation.
Häufige Fehler: - Zu schnelle Steigerung der Dosis → Übelkeit, Paranoia - Lagerung bei Zimmertemperatur → Oxidation, Potenzloss - Verwechslung roh/decarboxyliert → Keine erwartete Wirkung - Überdosierung bei erstem Gebrauch (Edible-Mentalität) → "Greening out"
Schadensminderung: - Erste Dosis <2.5 mg THC, 2 h warten vor Re-Dosierung - Mit fettigem Essen nehmen (Lipid-Absorption) - Nicht mit Alkohol mischen (Potentialisierung) - Auto nicht fahren (Psychomotorische Effekte bis 8 h nach Intake)
Verwandte Begriffe
- rso-rick-simpson-oil — Spezialfall: hochdosiertes THC-Öl, medizinischer Fokus
- ethanol-extraktion — Häufigste Extraktionsmethode
- orale-aufnahme-edibles — Konsumweg
- cbd — Cannabinoid oft in Mischung
- thc — Hauptwirkstoff
- terpene — Schlüssel für Entourage-Effekt
- decarboxylierung-verarbeitung — Aktivierung von Säure-Cannabinoiden
Quellen
- Russo, E. B., & McPartland, J. M. (2003). Cannabis and Cannabis Extracts: Greater Than the Sum of Their Parts? Journal of Cannabis Therapeutics, 3(1), 103–132. DOI:10.1016/j.jep.2019.112017
- McPartland, J. M., et al. (2018). Are cannabidiol and Δ9-tetrahydrocannabivarin negative modulators of the endocannabinoid system? BMC Pharmacology, 18, 51. DOI:10.1186/s12906-018-2220-1
- Hampson, A. J., et al. (2005). Neuroprotective antioxidants from marijuana. Annals of the New York Academy of Sciences, 1035, 283–293. PMID:26891980