Hinweis: Die Inhalte dienen ausschließlich der sachlichen Bildung und Information. Keine Werbung für Cannabis i.S.d. §6 KCanG.

First-Pass-Metabolismus

REVIEW Konzept Laienrelevanz: hoch

Stand: 2026-06-20

Synonyme: Leber-Erstpassage First-Pass-Effekt hepatischer First-Pass

First-Pass-Metabolismus

Kurzdefinition

Der First-Pass-Metabolismus ist der hepatische (und intestinale) Metabolismus eines oral aufgenommenen Stoffs vor Erreichen des systemischen Blutkreislaufs — weshalb die Bioverfügbarkeit bei oraler Gabe deutlich niedriger ist als bei direkter intravaskulärer Verabreichung.

Wissenschaftliche Beschreibung

Anatomisches und Physiologisches Prinzip

Bei oraler Aufnahme folgt die Resorption aus dem Gastrointestinaltrakt einem kritischen Weg:

  1. Intestinale Absorption: Moleküle werden durch die Darmwand resorbiert
  2. Pfortader-Transport: Der absorbierte Stoff gelangt über die Vena portae direkt zur Leber
  3. Hepatische Metabolism: Bevor der Stoff den systemischen Kreislauf erreicht, wird er durch hepatische Enzyme (CYP450, UGT, etc.) metabolisiert
  4. Metaboliten-Eintritt in Blutkreislauf: Nur die metabolisierten und teilweise unmtabolisierten Stoffe gelangen in die systemische Zirkulation

Diese Passage durch die Leber vor der Verteilung an den Körper ist der First-Pass.

Konsequenzen für THC bei oraler Aufnahme

Reduzierte Bioverfügbarkeit

  • Inhalativ: THC-Bioverfügbarkeit 10–35 % (Lungen umgehen Leber-First-Pass)
  • Oral: THC-Bioverfügbarkeit 4–20 % (Pfortader-First-Pass reduziert verfügbare THC-Menge dramatisch)

Die orale Bioverfügbarkeit kann um bis zu 80–90 % gegenüber inhalativer Aufnahme reduziert sein.

Metabolitprofil-Verschiebung

Der First-Pass-Metabolismus führt zu einer Verschiebung im Metaboliten-Verhältnis:

  • Inhalativ (direkter Eintritt ins Blut ohne Leber-Erstpassage):
  • Peak THC vor Peak 11-OH-THC
  • THC:11-OH-THC-Ratio eher 10:1 oder höher

  • Oral (Leber-Erstpassage):

  • Erhebliches THC wird bereits in der First-Pass zu 11-OH-THC oxidiert
  • 11-OH-THC erreicht höhere Konzentrationen relativ zu THC
  • THC:11-OH-THC-Ratio eher 1:1 bis 1:2 im Peak-Plasma

Metabolismus-Enzyme im First-Pass

Phase I (Oxidation): - CYP2C9 (Hauptenzym) - CYP2C19 - CYP3A4 - Diese Enzyme hydroxylieren THC zu 11-OH-THC während des Leber-Durchgangs

Phase II (Konjugation): - UGT1A9 und UGT2B7 können bereits in der Leber glucuronidieren - Weitere Glucuronidierung entlang des hepatischen Metabolismus

Pharmakologische Relevanz

Qualitative Unterschiede der psychoaktiven Wirkung

11-OH-THC ist potenzieller als THC: - 11-OH-THC zeigt höhere CB1-Affinität und teilweise höhere Efficacy als THC selbst - Orale Cannabis-Konsumption führt zu relativ höherem 11-OH-THC-Anteil - Dies kann zu einer intensiveren oder qualitativ veränderten psychoaktiven Wirkung bei gleicher THC-Dosis führen

Konsequenzen: - Orale Edibles erzeugen oft intensivere oder prolongierte psychoaktive Effekte als inhalativ äquivalente THC-Dosen - Die zeitliche Verzögerung des Wirkeintritts (Tmax 1–3 h oral vs. 3–10 min inhalativ) kombiniert mit diesem Effekt kann zu Überdosierungsrisiko führen

Intraindividuelle Variabilität des First-Pass

Mahlzeiten und Fettgehalt

  • Fetthaltiges Essen erhöht die Lipid-Absorption im Darm
  • Höhere Lipid-Absorption → mehr THC-Resorption → größere Menge passiert First-Pass
  • Fettreiche Mahlzeiten können die orale THC-Bioverfügbarkeit um das Mehrfache erhöhen

Magen-Darm-Motilität

  • Gastrische Leerungsrate variiert individuell
  • Schnellere Magenentleerung → schnellerer Wirkeintritt
  • Langsamere Magenentleerung → verzögerter Wirkeintritt, aber möglicherweise höhere Gesamtabsorption

Genetische CYP-Polymorphismen

  • CYP2C92, CYP2C93 und CYP2C19*2 führen zu reduzierter Enzymaktivität
  • Träger können reduzierte First-Pass-Clearance zeigen → höhere THC-Exposition bei oraler Gabe
  • In europäischen Populationen relativ häufig (~20–30 % sind träger von Varianten)

Klinische Implikationen

Galenische Formulierungen

First-Pass-Effekte beeinflussen die Entwicklung von Arzneimittelformulierungen: - Dronabinol-Kapseln (synthetisches THC): standardisierte Dosen, aber weiterhin subject zu First-Pass-Variabilität - Sublinguales THC: Umgeht teilweise Magen-Darm-Trakt, reduziert First-Pass (aber Effizienz variabel) - Nano-Emulsionen und Liposomal-Formulierungen: Experimentelle Ansätze zur Verbesserung der Bioverfügbarkeit

Edibles und Cannabis-Produkte

  • Kommerzielle Edibles variieren in Fettgehalt und Mahlzeitkontext
  • Verbraucher-Predictability ist gering (individuelle Variabilität des First-Pass)
  • Verzögerte Effekt-Eintritts-Zeit führt oft zu Über-Konsumption (Nutzer warten auf Wirkung und konsumieren mehr)

Verwandte Begriffe

  • pharmakokinetik — Übergeordnetes Konzept (ADME), von dem First-Pass ein Aspekt ist
  • cyp450-cannabis — Die Enzym-Familie, die den First-Pass katalysiert
  • 11-hydroxy-thc — Der Primärmetabolit, der verstärkt im First-Pass entsteht
  • bioverfuegbarkeit — Direkt reduziert durch First-Pass-Effekte
  • orale-aufnahme-edibles — Praktische Anwendung, wo First-Pass zentral ist

Quellen

  • Huestis, M. A. (2007). Human Cannabinoid Pharmacokinetics. Chemistry & Biodiversity, 4(8), 1770–1804. DOI:10.1002/cbdv.200790152. PMID:17712819
  • Schwilke, E. W., Schwope, D. M., Karschner, E. L., Kemp, B. L., Hirvonen, J., Kaczynski, K., ... & Huestis, M. A. (2009). Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC), 11-Hydroxy-THC, and 11-nor-9-Carboxy-THC Plasma Pharmacokinetics after Marijuana Smoking. Clinical Chemistry, 55(12), 2180–2189. DOI:10.1373/clinchem.2008.122119

Verwandte Begriffe

Quellen

  1. . Human Cannabinoid Pharmacokinetics. Chemistry & Biodiversity, 4(8), 1770-1804 (2007) DOI PMID
  2. . Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC), 11-Hydroxy-THC, and 11-nor-9-Carboxy-THC Plasma Pharmacokinetics after Marijuana Smoking. Clinical Chemistry, 55(12), 2180-2189 (2009) DOI