Pharmakokinetik
Kurzdefinition
ADME (Absorption, Distribution, Metabolismus, Exkretion) beschreibt, was der Körper mit einem Cannabinoid-Wirkstoff macht — dessen Aufnahme, Verteilung, Umwandlung und Ausscheidung.
Wissenschaftliche Beschreibung
Absorption
Die Bioverfügbarkeit variiert stark je nach Applikationsroute: - Inhalativ: THC 10–35 %, CBD 11–45 % — schnelle Absorption über Lungenoberfläche - Oral: THC 4–20 %, CBD 6–15 % — Absorption durch Gastrointestinaltrakt, deutlich langsamer und unvollständiger
Die maximale Plasmakonzentration (Tmax) unterscheidet sich erheblich: - Inhalativ: Tmax 3–10 Minuten - Oral: Tmax 1–3 Stunden
Distribution
Cannabinoide sind hochlipophil (logP ~7 für THC), was ihre Pharmakokinetik dominiert: - Rasche Penetration der Blut-Hirn-Schranke (ZNS-Zielort) - Extensives Verteilungsvolumen (~10 L/kg für THC) - Akkumulation in Fettgeweben — lagern sich in Adipozyten ein und geben sich langsam wieder ab - Längere terminale Halbwertszeit infolge dieser Fettbindung
Metabolismus
Cannabinoide werden primär hepatisch metabolisiert:
Phase I (Oxidation): - CYP2C9, CYP2C19, CYP3A4 katalysieren Hydroxylierung - THC → 11-OH-THC (psychoaktiv, oft potenter als THC) - Weitere Oxidation → THC-COOH (inaktiv)
Phase II (Konjugation): - UGT1A9 und UGT2B7 glucuronidieren THC-COOH - Bildung wasserlöslicher, ausscheidungsfähiger Konjugate
Exkretion
- Fäkale Ausscheidung: ~65 %
- Renale Ausscheidung: ~25 %
- Primärer Urinmarker: THC-COOH-Glucuronid
- Interindividuelle Unterschiede in Clearance führen zu variablen Eliminationshalbwertzeiten (bis zu 12–36 h)
Pharmakologische Relevanz
Interindividuelle Variabilität
Mehrere Faktoren beeinflussen die Pharmakokinetik einzelner Personen: - Konsumfrequenz: Chronische Nutzer zeigen Akkumulation in Fettgeweben → prolongierte Elimination - Genetische CYP-Polymorphismen: CYP2C92, CYP2C93, CYP2C192 führen zu unterschiedlicher metabolischer Clearance - Ernährungszustand und BMI: Fettzellmasse beeinflusst Verteilung und Rückresorption - Mahlzeiten*: Fetthaltiges Essen erhöht orale Bioverfügbarkeit
Klinische Implikationen
- Inhalative Verabreichung bietet rascheren Wirkeintritt, aber kürzere Effektdauer
- Orale Gabe erzeugt verzögerten Wirkeintritt, aber prolongierte Wirkung (oft stärker aufgrund 11-OH-THC-Bildung)
- Pharmakokinetische Wechselwirkungen möglich (besonders mit CYP-Substraten bei CBD-Komedikation)
- Urintests erfassen THC-COOH über längere Zeiträume als sichtbare Wirkung andauert
Verwandte Begriffe
- pharmakodynamik — Was der Wirkstoff mit dem Körper macht (im Gegensatz zur Pharmakokinetik)
- first-pass-metabolismus — Hepatische Erstpassage bei oraler Aufnahme
- cyp450-cannabis — Cytochrom-P450-Enzyme im Cannabinoid-Metabolismus
- 11-hydroxy-thc — Aktiver Metabolit aus First-Pass-Metabolismus
- thc-cooh — Inaktiver Primärmetabolit, Urinmarker
- bioverfuegbarkeit — Anteil der verabreichten Dosis, der den Systemkreislauf erreicht
- lipophilie-verteilung — Fettteilung und deren Folgen für Cannabinoid-Kinetik
Quellen
- Huestis, M. A. (2007). Human Cannabinoid Pharmacokinetics. Chemistry & Biodiversity, 4(8), 1770–1804. DOI:10.1002/cbdv.200790152. PMID:17712819
- Sharma, P., Murillo-Rodriguez, E., & Radulovacki, M. (2012). Role of the Endocannabinoid System in Sleep Homeostasis and Sleep-Wake Regulation. Current Pharmaceutical Design, 18(32), 4750–4759. PMC3570572