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Nabilon

REVIEW Produkt Laienrelevanz: mittel Evidenz

Stand: 2026-06-20

Definition

Nabilon ist ein vollsynthetisches Cannabinoid-Analogon des Delta-9-THC (Δ9-THC), das unter den Markennamen Cesamet (USA, Großbritannien, Mexiko), Canemes (Österreich, Europa) und als Generikum Nabilon vertrieben wird. Es gehört zur Klasse der künstlich hergestellten Cannabinoide und unterscheidet sich von natürlichem THC und Dronabinol durch seine Synthesechemie und Pharmakokinetik.

Nabilon ist ein vollständig orales, nicht-flüchtiges Medikament zur Behandlung spezifischer Symptome, insbesondere Übelkeit und Erbrechen, die durch Chemotherapie ausgelöst werden (CINV: Chemotherapy-Induced Nausea and Vomiting).

Chemie & Struktur

Nabilon ist ein halbsynthetisches Analogon von Δ9-THC, das heißt, es ist nicht pflanzlichen Ursprungs, sondern vollständig im Labor synthetisiert. Die Molekülstruktur unterscheidet sich durch die Ersetzung des Pyran-Rings durch ein Cyclohexen-Ringsystem, was zu unterschiedlichen pharmacokinetischen Eigenschaften führt.

Diese strukturelle Modifikation führt zu: - Besserer Bioavailabilität als natürliches THC - Unterschiedlicher Metabolisierung - Veränderte Plasma-Halbwertszeit und Metaboliten-Profile

Pharmakokinetik

Absorption

  • Resorption: Nabilon wird nach oraler Gabe vollständig aus dem Gastrointestinaltrakt resorbiert
  • Tmax (Peak-Zeit): Maximale Plasmakonzentration wird innerhalb von 2 Stunden nach einer 2-mg-Dosis erreicht
  • Nahrungseinfluss: Nahrung hat keinen signifikanten Einfluss auf die Resorptionsgeschwindigkeit oder das Ausmaß der Absorption

Metabolisierung

  • Hepatische Metabolisierung: Nabilon wird extensiv durch die Leber metabolisiert
  • Cytochrom-P450-Enzyme: Metabolisiert durch multiple CYP450-Isoformen (wahrscheinlich CYP3A4, CYP2C9, CYP2D6)
  • Metaboliten: Es entstehen mehrere Metaboliten mit unterschiedlicher biologischer Aktivität
  • Halbwertszeit:
  • Nabilon selbst: ~2 Stunden
  • Metaboliten und Gesamtradioaktivität: bis zu 35 Stunden
  • Cumulative Halbwertszeit: bis zu 12 Stunden (je nach Quelle)

Elimination

  • Biliäre Ausscheidung: Hauptausscheidungsweg über die Galle
  • Ausscheidungsprofil: Ca. 60 % fäkal, ca. 24 % renal
  • Metaboliten: Etwa 70 % der radioaktiv markierten Dosis wird als Metaboliten ausgeschieden

Dosierung & Anwendung

Therapeutische Dosierung für CINV

  • Startdosis: 1–2 mg (idealerweise die Nacht vor der Chemotherapie)
  • Erhaltungsdosis: 1–2 mg, 2–3 × täglich während der Chemotherapie und für mehrere Tage danach
  • Maximale Tagesdosis: 6 mg (üblich in 3 × 2 mg oder verteilt aufgenommen)
  • Timing: Am besten 1–3 Stunden vor der Chemotherapie und dann regelmäßig für 24–48 Stunden danach

Pharmakokinetische Vorteile

Im Vergleich zu Dronabinol (Marinol) zeigt Nabilon: - Bessere Bioavailabilität: Nabilon hat eine Bioavailabilität von ~60–70 %, während Dronabinol nur 4–20 % hat - Höhere Potenz: 1–2 mg Nabilon entspricht pharmakologisch etwa 10–20 mg Dronabinol - Längere Wirkdauer: Obwohl die Plasma-Halbwertszeit ähnlich ist, ist die klinische Wirkdauer länger

Klinische Relevanz

Zugelassene Indikationen

  1. CINV (Chemotherapy-Induced Nausea and Vomiting): Ultima-Ratio-Mittel bei Patienten, die auf Standardantiemetika (5-HT3-Antagonisten, NK1-Antagonisten) nicht ausreichend ansprechen
  2. AIDS-assoziierte Anorexie: Appetitförderung und Gewichtszunahme bei HIV/AIDS-Patienten (variable Zulassung je nach Land)

Klinische Effektivität

  • CINV-Studien: Nabilon zeigt eine Effektivität von 60–90 % bei CINV, besonders bei verzögertem (delayed) Erbrechen
  • Vergleich zu Dronabinol: Studien zeigen ähnliche oder überlegene Effektivität mit besserer Verträglichkeit
  • Einsatz: Typischerweise als Backup-Therapie, wenn Standard-Antiemetika versagen (Third- oder Fourth-Line)
  • Besonderheit: Besonders wirksam bei multimodaler Emetogenese und als Ergänzung zu anderen Antiemetika

Nicht-zugelassene, aber untersuchte Indikationen

  • Chronische Schmerzen: Begrenzte klinische Evidenz
  • Spastizität (MS): Einige klinische Erfahrung
  • Bewegungsstörungen (M. Parkinson): Frühe Daten deuten auf mögliche Verbesserung nicht-motorischer Symptome hin

Nebenwirkungen & Tolerabilität

Häufige Nebenwirkungen (>10 %)

  • Schwindel (Dizziness): 15–60 % (dosisabhängig)
  • Somnolenz (Drowsiness): >7× häufiger als Placebo
  • Mundtrockenheit (Xerostomie): 10–30 %

Weitere häufige Nebenwirkungen (1–10 %)

  • Kopfschmerz
  • Euphorie / Dysphorie
  • Ataxie (Gleichgewichtsstörung)
  • Konzentrationsschwierigkeiten
  • Gedächtnisstörung

Schwerwiegende Nebenwirkungen (selten)

  • Psychotische Symptome: Besonders bei vorbestehender psychiatrischer Erkrankung
  • Kardiale Effekte: Tachykardie, Blutdruckveränderungen (mild)
  • Dependenzen: Kleine Abhängigkeitsgefahr bei längerer Anwendung

Allgemeines Nebenwirkungsprofil

  • Schweregrad: Überwiegend mild bis moderat, transitorisch
  • Vergleich zu Dronabinol: Nabilon zeigt häufiger Somnolenz und Schwindel, aber weniger Übelkeit und Kopfschmerz
  • Toleranzentwicklung: Toleranz kann sich über Zeit entwickeln

Wechselwirkungen

Pharmakokinetische Wechselwirkungen

  • Begrenzte Interaktionen: Aufgrund sehr niedriger therapeutischer Plasmakonzentrationen sind signifikante CYP450-Inhibitionen oder -Induktionen unwahrscheinlich
  • Metabolisierung: Obwohl Nabilon durch CYP-Enzyme metabolisiert wird, wurde es nicht in wesentliche pharmakokinetische Wechselwirkungen verwickelt
  • Gründe: Niedrige Dosen und meist kurze Behandlungsdauer

Pharmakodynamische Wechselwirkungen (Wichtig!)

  • CNS-Depressiva: Verstärkung der Sedation, Schwindel und psychomotorischer Effekte
  • Opioide
  • Benzodiazepine
  • Alkohol
  • Andere Sedativa (Antihistamine, trizyklische Antidepressiva)
  • Amphetamine / Stimulantien: Mögliche Antagonisierung der CNS-Effekte
  • Anticholinergika: Mögliche Verstärkung der anticholinergen Effekte

Management von Wechselwirkungen

  • Kontraindikation mit schweren CNS-Depressiva vermeiden oder eng überwachen
  • Patient aufklären über Alkoholvermeidung
  • Dosisanpassung bei gleichzeitiger CNS-depressiver Therapie erwägen
  • Laborüberwachung nicht erforderlich (keine signifikanten Plasma-Level-Interaktionen)

Langzeitanwendung & Sicherheit

Datenlage

  • Langzeitsicherheitsdaten: Es sind keine ausreichenden Daten zur chronischen Langzeitanwendung (>6 Monate) vorhanden
  • Typische Anwendungsdauer: Meist begrenzt auf 24–72 Stunden während und nach Chemotherapie
  • Off-Label-Langzeitanwendung: Sollte mit Vorsicht erfolgen; Überwachung auf Toleranzentwicklung und psychische Effekte erforderlich

Toleranzentwicklung

  • Toleranzbildung wurde berichtet, besonders bei wiederholten Zyklen
  • Re-Dosierung oder Rotationsstrategie mit anderen Antiemetika kann erforderlich sein

Abhängigkeitspotenzial

  • Wie alle Cannabinoide: niedriges Abhängigkeitspotenzial im Vergleich zu Opioden
  • Psychische Abhängigkeit möglich, körperliche Abhängigkeit selten
  • In Ländern mit hohem Missbrauchspotenzial als kontrollierte Substanz klassifiziert (z. B. Schedule II in den USA)

Spezielle Populationen

  • Ältere Patienten: Erhöhtes Schwindel- und Sturzrisiko; Dosisreduktion empfohlen
  • Nieren-/Leberinsuffizienz: Keine Dosisanpassung formal erforderlich, aber Vorsicht bei schwerer Leberinsuffizienz
  • Schwangerschaft & Stillzeit: Kontraindiziert (keine ausreichenden Sicherheitsdaten)
  • Pädiatrie: Minimal untersucht; Off-Label nur bei schweren Fällen

Vergleich: Nabilon vs. Dronabinol vs. andere Antiemetika

Parameter Nabilon Dronabinol Metoclopramid 5-HT3-Antagonisten
Bioavailabilität 60–70 % 4–20 % ~80 % (IV) >50 %
Tmax 2 h 1–2 h 0.5–1 h 1–4 h
Plasma-HWZ ~2 h (Nabilon) 1–2 h 5–6 h 3–11 h
Metaboliten-HWZ Bis 35 h - - -
Potenz relativ 1 mg = ~10–20 mg Dronabinol Baseline - -
CINV-Effektivität (%) 60–90 % 50–80 % 30–40 % 80–90 %
CNS-Effekte Häufig Häufig Selten Selten
Einsatzposition Ultima Ratio Ultima Ratio Erste Linie Erste/Zweite Linie

Regulatory Status

  • USA: FDA-zugelassen (Cesamet); Schedule II (kontrollierte Substanz)
  • Deutschland: Verschreibungspflichtig; in Deutschland wieder verfügbar seit 2017 (Canemes®)
  • Österreich: Canemes® erhältlich
  • EU: Zulassung vorhanden; nationale Unterschiede

Besonderheiten & Klinische Pearls

  1. Timing ist kritisch: Dosierung idealerweise 1–3 Stunden vor Chemotherapie für optimale Effektivität
  2. Kombinierte Antiemetika-Strategie: Am wirksamsten als Teil eines multimodalen Ansatzes (z. B. NK1-Antagonist + 5-HT3 + Nabilon)
  3. Psychische Überwachung: Patienten mit psychiatrischer Vorgeschichte sollten engmaschig überwacht werden
  4. Kumulativer Effekt möglich: Wegen der langen Metaboliten-Halbwertszeit (bis 35 h) kann eine Kumulierung auftreten
  5. Off-Label-Einsatz: Zunehmend off-label für andere Indikationen (chronische Schmerzen, Spastizität), aber Evidenz ist noch begrenzt
  6. Kosten: Oft teurer als Standard-Antiemetika; Kostenübernahme variiert je nach Krankenkasse und Land

Letzte Aktualisierung: 2026-06-11
Zuverlässigkeit: Mittel (Recherche + klinische Quellen, aber keine neuesten Studien)

Verwandte Begriffe

Quellen

  1. PharmaWiki - Nabilon
  2. Nabilone Monograph for Professionals - Drugs.com
  3. The Safety of Dronabinol and Nabilone: A Systematic Review and Meta-Analysis
  4. Nabilone - LiverTox - NCBI Bookshelf