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Nektarien bei Cannabis

REVIEW Konzept Laienrelevanz: niedrig

Stand: 2026-06-19

Synonyme: Nectaries Blütennektarien extraflorale Nektarien EFN

Nektarien bei Cannabis

Kurzdefinition

Nektarien sind spezialisierte Drüsengewebe, die zuckerhaltige Sekrete (Nektar) produzieren — bei Cannabis in stark reduzierter Form vorhanden, botanisch interessant aber anbaulich wenig relevant im Vergleich zu den dominanten glandulären Trichomen.

Wissenschaftliche Beschreibung

Vorkommen und Typen bei Cannabis

Cannabis sativa ist eine windbestäubte (anemophile) Pflanze und hat daher stark reduzierte florale Nektarien. Im Vergleich zu insektenbestäubten Pflanzen (Entomophile) sind die Nektarien bei Cannabis:

  • Morphologisch rudimentär: klein, wenig differenziert
  • Sekretorisch schwach aktiv: geringe Nektarmengen
  • Evolutionär rückgebildet: Windbestäubung macht Insektenanlockung unnötig

Man unterscheidet bei Cannabis zwei Typen:

Typ Position Funktion Aktivität
Florale Nektarien Innerhalb der Blüte (Blütenboden) Rudimentär, kaum Funktion bei Windbestäuber Sehr gering
Extraflorale Nektarien (EFN) Blattachseln, Stipeln, Blattstiele Indirekte Abwehr durch Anlockung von Räubern Induzierbar

Extraflorale Nektarien (EFN) — Ökologische Funktion

EFN sind die ökologisch bedeutsamsten Nektarien bei Cannabis. Sie sezernieren Zucker und Aminosäuren an vegetativen Pflanzenteilen (außerhalb der Blüte) und erfüllen eine indirekte Abwehrfunktion:

  1. Nektar lockt räuberische Arthropoden (Ameisen, Raubmilben, parasitische Wespen) an
  2. Diese Räuber dezimieren pflanzenfressende Insekten (herbivore Schädlinge)
  3. Jasmonsäure (JA)-Regulation: Herbivorie → JA-Anstieg → EFN-Sekretion erhöht → mehr Räuber angelockt

Forschungsstand: Cannabis-spezifische EFN-Aktivität ist wenig untersucht. Ähnliche Mechanismen sind bei anderen Cannabaceae (Humulus lupulus, Hopfen) gut beschrieben.

Chemische Zusammensetzung des Nektars

Cannabis-Nektar (soweit analysiert) enthält: - Zucker: Saccharose, Glucose, Fructose (Energiequelle für Besucher) - Aminosäuren: Vor allem Prolin (konstitutiv in vielen Pflanzen) - Sekundäre Verbindungen: Geringe Mengen Terpene (v.a. Monoterpene wie α-Pinen, Limonen) aus benachbarten Trichomen

Abgrenzung von glandulären Trichomen

Die anbaulich relevante Drüsenstruktur bei Cannabis sind die Trichome, nicht die Nektarien:

Merkmal Nektarien Glanduläre Trichome
Hauptprodukt Nektar (Zucker + Wasser) Cannabinoide + Terpene
Wirtschaftliche Bedeutung Minimal Zentral
Dichte Gering, lokal Sehr hoch auf Brakteen
Sichtbarkeit Kaum sichtbar Deutlich als Reif sichtbar

Botanischer Kontext: Cannabis als Windbestäuber

Da Cannabis seit ca. 28 Millionen Jahren (molekulare Uhr-Schätzungen) anemophil ist, befinden sich die floralen Nektarien in einem fortgeschrittenen Zustand der Rückbildung. Die evolutionäre Energie wurde stattdessen in Trichom-Entwicklung und Terpen/Cannabinoid-Produktion investiert — diese dienen primär als chemische Abwehr (UV-Schutz, Herbivoren-Deterrenz) und nicht der Bestäuberanlockung.

Aktuelle Forschung

Neuere Studien untersuchen, ob Cannabis-EFN-Sekrete bei biologischer Schädlingsbekämpfung genutzt werden können — also ob die konstitutive oder induzierbare EFN-Aktivität durch Anbau-Methoden gezielt gesteuert werden kann, um Nützlinge anzulocken (IPM-Perspektive).

Biologische Auswirkungen

Die Nektarien-Sekretion ist in Cannabis physiologisch marginal. Relevanter ist der JA-Crosstalk: Herbivorie aktiviert den JA-Signalweg → erhöhte EFN-Sekretion → indirekte Abwehr. Derselbe JA-Signalweg reguliert auch die Trichom-Induktion und Cannabinoid-Synthese, weshalb mechanischer Stress (Trainingstechniken wie LST/Topping) indirekt Sekundärmetaboliten-Produktion erhöhen kann.

Anbau-Relevanz

Nektarien sind für den Grower-Alltag kaum direkt relevant. Indirekt:

  • IPM-Perspektive: Gesunde, stressarme Pflanzen mit aktiven EFN können Nützlinge halten
  • Stressmarker: Stark induzierte EFN-Aktivität (klebrige Blattachseln) kann auf biotischen Stress (Schädlingsbefall) hindeuten
  • Kein Verwechslungspotenzial: Klebrige Oberflächen bei Cannabis stammen primär aus Trichom-Harz, nicht aus Nektar

Verwandte Begriffe

  • trichom-typen — die anbaulich relevante Drüsenstruktur; produziert Cannabinoide und Terpene
  • bestaeubung-befruchtung — Windbestäubung macht florale Nektarien bei Cannabis überflüssig
  • ja-biosynthese — Jasmonsäure reguliert EFN-Sekretion und Trichom-Induktion
  • brakteen-calyx — Hauptträger der glandulären Trichome

Quellen

  • Nair M.G. et al. (1985): DOI:10.1086/337531
  • Spitzer-Rimon B. et al. (2019): DOI:10.3389/fpls.2019.01563. PMID:31921229
  • Pichersky E. & Gershenzon J. (2002): DOI:10.1016/S1369-5266(02)00255-0. PMID:11960739

Verwandte Begriffe

Quellen

  1. Nectaries and floral biology of Cannabis sativa. Bot Gaz 146(3):361-369 (1985) DOI
  2. Architecture and inflorescence development in Cannabis sativa. Front Plant Sci 10:1563 (2019) DOI PMID
  3. The formation and function of plant volatiles. Curr Opin Plant Biol 5(3):237-243 (2002) DOI PMID

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