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Terpinolen

REVIEW Monographie Laienrelevanz: niedrig Evidenz

Stand: 2026-06-21

Synonyme: alpha-Terpinolen delta-Terpinen 1-Methyl-4-propan-2-ylidenecyclohex-1-en p-Mentha-1,4(8)-dien

Terpinolen

Kurzdefinition

Terpinolen ist ein monocyclisches Monoterpen mit der Summenformel C₁₀H₁₆ (Molekulargewicht 136,23 g/mol, CAS 586-62-9) und zwei konjugierten Doppelbindungen – einer endocyclischen und einer exocyclischen Isopropyliden-Gruppe. Es ist charakteristisch für "Haze"-Hanfsorten und wurde in-vivo als sedierend wirksam identifiziert, wobei die experimentelle Evidenzbasis im Vergleich zu anderen Hauptterpenen noch dünn ist.

Wissenschaftliche Beschreibung

Molekulare Charakteristik

Eigenschaft Wert
Summenformel C₁₀H₁₆
Molekulargewicht 136,23 g/mol
CAS-Nummer 586-62-9
IUPAC-Name 1-Methyl-4-(propan-2-yliden)cyclohex-1-en
PubChem CID 11463
Siedepunkt 187 °C
Dichte 0,8623 g/cm³
Doppelbindungen 2 (1 endo C1=C2, 1 exo C4=CMe₂)
Konjugation p-Menthadien-System (cross-conjugated)

Isomerie und Struktur-Vergleich

Terpinolen ist ein Strukturisomer zu α-Pinen, β-Pinen und Limonen – alle teilen C₁₀H₁₆, unterscheiden sich aber im Ringsystem und der Doppelbindungsposition:

Terpen Ringsystem Doppelbindungen Charakteristikum
α-Pinen [3.1.1]-Bicyclus 1 endocyclisch Bicyclisch, hoch gespannt
β-Pinen [3.1.1]-Bicyclus 1 exocyclisch Methylen-Substituent
Terpinolen Monocyclus (p-Menthadien) 2 (1 endo, 1 exo) Cross-konjugiert
Limonen Monocyclus 1 exocyclisch Isopropenyl-Substituent

Die cross-konjugierte Doppelbindung (endocyclische C1=C2 und exocyclische Isopropyliden-Gruppe an C4) verleiht Terpinolen eine höhere Konjugation als die monocyclischen Pinene und eine andere chemische Reaktivität als das isolierte Dien-System von γ-Terpinene.

Biosynthese

Terpinolen entsteht durch einen "alternativen" Deprotonierungsweg des gemeinsamen α-Terpinyl-Kation-Intermediats im MEP-Weg:

  1. Geranylpyrophosphat (GPP) wird durch Monoterpen-Cyclasen konvertiert
  2. Bildung von α-Terpinyl-Kation (über Linalyl-Pyrophosphat-Intermediate)
  3. Im Gegensatz zur Bicyclisierung (→ Pinene) erfolgt eine alternative Deprotonierung ohne weitere Cyclisierung
  4. Resultat: Terpinolen mit zwei Doppelbindungen

Während α-Pinen und β-Pinen durch spezialisierte Pinen-Cyclasen aus bestimmten Pflanzen stammen, ist Terpinolen eher ein "Nebenpfad-Produkt" und wird von breiteren Cyclase-Spektra gebildet. In Haze-Hanfsorten ist die Terpinolene-Synthase jedoch hoch exprimiert, was zu den charakteristisch hohen Konzentrationen führt.

Vorkommen

In Cannabis sativa – Haze-Chemotyp

Fischedick et al. (2017) charakterisierten die Terpenprofile von über 30 hochpotenten Hanfproben und identifizierten Terpinolen als Marker-Verbindung des "Haze"-Chemotyps (DOI: 10.1089/can.2016.0040):

  • Super Silver Haze: Terpinolen dominant (>20% des Terpenprofils)
  • Jack Herer: Hoher Terpinolen-Gehalt (10–15%)
  • Dutch Treat: Charakteristische Terpinolen-Präsenz
  • Orange Haze: Terpinolen als Sekundärkomponente
  • Amnesia Haze: Variable, aber oft >10%

In den meisten anderen Hanfsorten ist Terpinolen nur ein Nebenbestandteil (<5%). Die Haze-Familie zeigt eine genetische Fixierung für hohe Terpinolen-Synthese durch exprimierte Terpinolene-Synthase.

In anderen Pflanzen

Terpinolen kommt in geringeren Konzentrationen in vielen aromatischen Pflanzen vor: - Salbei (Salvia spp., Labiatae): ~3–5% - Majoran (Origanum majorana): Variable Konzentrationen - Oregano (Origanum spp.): Nebenkomponente - Teebaum (Melaleuca alternifolia): ~2–5% - Thuja (Thuja spp., Cupressaceae): Charakteristische Komponente - Kümmel (Carum carvi): Spuren bis ~1% - Sternanis (Illicium verum): Spuren - Lilie, Apfel, Muskatnuss, Kumin: Aromabestandteile

Biologische Aktivität

Sedierende Wirkung in vivo

Ito & Ito (2013) führten eine Verhaltensstudie an männlichen ICR-Mäusen durch, um die Auswirkungen von Terpinolen-Inhalation auf motorische Aktivität zu untersuchen (Journal of Natural Medicine 67(4):833–837):

Experimentelles Design: - Terpinolen wurde mittels Vernebler in eine Inhalationskammer eingebracht - Konzentration: 0,04 mg Terpinolen in der Luft - Expositionsdauer: 1 Stunde - Nachbeobachtung: Motorische Aktivität gemessen mittels Actometer

Ergebnisse: - Motorische Reduktion auf 47,3% des Baseline-Wertes - Effekt war dose-abhängig - Effekt war reversibel nach Belüftung - Kontrollversuch mit olfaktorisch beeinträchtigten Mäusen: Der Effekt blieb bestehen → systemische Absorption, nicht olfaktorisch vermittelt

DOI: 10.1007/s11418-012-0732-1. PMID: 23339024.

Kritische Einschränkungen: 1. Studie in Nagetieren, nicht in Menschen 2. Sehr hohe Konzentrationen (0,04 mg in einer Inhalationskammer ist weit über normalen Expositionsszenarien) 3. Kein Mechanismus-Verständnis (neuronale, Rezeptor-basiert, oder toxische Effekte?) 4. Keine klinischen Studien beim Menschen vorliegend 5. Keine Replikationsstudien publiziert

Struktur-Aktivitäts-Beziehung (SAR) für sedierende Wirkung

Ito & Ito (2013) diskutierten in ihrer Publikation Struktur-Aktivitäts-Beziehungen für sedierende/motorik-hemmende Effekte in ihrer Terpen-Serie und stellten Hypothesen auf: - Die exocyclische Doppelbindung und die Konjugation mit der endocyclischen Doppelbindung sind für die motorische Hemmung relevant - Vergleich mit anderen Monoterpenen: Terpinolen > Limonen > α-Pinen (in der Reihenfolge der sedierenden Potenz) - Ein direkter Vergleich mit α-Pinen oder β-Pinen wurde jedoch nicht durchgeführt

Antioxidative und entzündungshemmende Eigenschaften

de Christo Scherer et al. (2019) untersuchten Terpinolen in vitro auf Wundheilungs-Aktivität (Journal of Tissue Viability 28(2):94–99):

  • Terpinolen (100 µM) hemmte die Produktion von NO (Stickstoffmonoxid) um 41,3%
  • Reduktion der Superoxid-Anionen (O₂•⁻) um 82,1 ± 3,5%
  • Hemmung der pro-inflammatorischen Zytokine IL-6 und TNF-α in Makrophagen
  • Suppression der NF-κB-Aktivität (TNF-α-induzierter Reporter-Assay)
  • Förderung der Fibroblasten-Migration und -Proliferation (Scratch-Assay)

DOI: 10.1016/j.jtv.2019.02.003. PMID: 30792116.

Marques et al. (2019) bestätigten die entzündungshemmende Aktivität von Terpinolen in einem weiteren In-vitro-Modell (Inflammopharmacology 27(2):281–289): - Hemmung der Superoxid- und NO-Produktion - Suppression des NF-κB-Signalweges - Dose-abhängige Wirkung im Bereich 25–200 µM

Antiproliferative Aktivität

Bacanlı et al. (2013) untersuchten die antiproliferative Wirkung von Terpinolen auf Gliomzelllinien (C6-Ratten-Gliomzellen): - Hemmung des Zellwachstums bei IC₅₀ ≈ 150–250 µM - Induktion von Apoptose - Keine Toxizität auf normale Gliazellen bei therapeutischen Konzentrationen

Kardioprotektive Eigenschaften

Aydın et al. (2005) zeigten in Phytomedicine, dass Terpinolen in Kombination mit α-Tocopherol und β-Carotin die Oxidation von LDL (Low-Density Lipoprotein) effektiv verhindert – ein relevanter Mechanismus für die Prävention der Atherogenese.

Gaschromatographische Analytik

Retentionsindex und Identifikation

Parameter Wert
Kovats-RI (HP-5MS) ~1088
Siedepunkt 187 °C (höchster der C₁₀H₁₆-Isomere)
Molekularion m/z 136
Basispeak m/z 93
Charakteristische Fragmente m/z 79, 105, 121

Differenzierung von α-Pinen und β-Pinen

Der deutlich höhere Retentionsindex von Terpinolen (RI ~1088) im Vergleich zu: - α-Pinen (RI ~937): Differenz von ~151 Einheiten - β-Pinen (RI ~980): Differenz von ~108 Einheiten

…ermöglicht eine sichere Auftrennung der drei Isomere auch auf Standard-GC-Säulen. Das Massenspektrum ist identisch (alle C₁₀H₁₆), aber die Retentionszeit ist diagnostisch.

Merkmal: Terpinolen eluiert von allen C₁₀H₁₆-Isomeren deutlich später (längster Retentionsindex), was mit seinem höheren Siedepunkt (187 °C) korreliert.

Anbau-Relevanz

Kat 01 (Terpen-Profiling)

Terpinolen ist ein Schlüssel-Marker für: - Haze-Chemotyp-Identifikation: Terpinolen >10% des Terpenprofils → Haze-Genotyp - Sortenauthentifizierung: Terpinolen-reiche Sorten haben spezifische Terpinolene-Synthase-Allele - Qualitätskontrolle: Terpinolen-Gehalt als Indikator für genetische Reinheit von Haze-Sorten

Kat 03 (Pflanzenstress)

  • Terpinolen-Synthese wird durch UV-Belastung und Trockenstress moduliert
  • Erhöhte Terpinolen-Werte können auf Stressbedingungen während des Anbaus hinweisen
  • Antioxidative Eigenschaften von Terpinolen schützen Pflanzenzellen vor oxidativem Stress

Kat 12 (Extraktionsoptimierung)

  • Dampfdestillation: Terpinolen (Siedepunkt 187 °C) wird bei Standard-Destillationen teilweise verloren
  • Superkritische CO₂-Extraktion: Bessere Erhaltung bei niedrigen Temperaturen
  • Lagerung: Terpinolen ist oxidationsempfindlicher als Pinene (zwei Doppelbindungen); Schutzgas empfohlen

Verwandte Begriffe

  • alpha-pinen – Bicyclisches Isomer, Vorläufer in der Biosynthese
  • beta-pinen – Bicyclisches Isomer, alternative Deprotonierung
  • myrcen – Acyclisches Isomer, Sesquiterpen-Vorläufer
  • limonen – Monocyclisches Isomer, eine Doppelbindung
  • terpinen-alpha-gamma – Isomere Terpinene, zwei Doppelbindungen
  • phellandren – Isomeres Monoterpen, endocyclische Doppelbindungen

Quellen

  1. Ito K, Ito M (2013): "The sedative effect of inhaled terpinolene in mice and its structure-activity relationships." Journal of Natural Medicine 67(4):833–837. DOI: 10.1007/s11418-012-0732-1. PMID: 23339024.

  2. Fischedick JT, Hazekamp A, Erkelens T, Choi YH, Verpoorte R (2017): "Identification of Terpenoid Chemotypes Among High (-)-trans-Δ9-Tetrahydrocannabinol-Producing Cannabis sativa L. Cultivars." Cannabis and Cannabinoid Research 2(1):34–47. DOI: 10.1089/can.2016.0040.

  3. de Christo Scherer MM, Marques FM, Figueira MM, et al. (2019): "Wound healing activity of terpinolene and α-phellandrene by attenuating inflammation and oxidative stress in vitro." Journal of Tissue Viability 28(2):94–99. DOI: 10.1016/j.jtv.2019.02.003. PMID: 30792116.

  4. Marques FM, Figueira MM, Schmitt EFP, et al. (2019): "In vitro anti-inflammatory activity of terpenes via suppression of superoxide and nitric oxide generation and the NF-κB signalling pathway." Inflammopharmacology 27(2):281–289. DOI: 10.1007/s10787-018-0483-z. PMID: 29675712.

  5. Bacanlı M, Başaran AA, Başaran N (2013): "Anticancer and antioxidant properties of terpinolene in rat brain cells." Archives of Industrial Hygiene and Toxicology 64(3):415–424. PMID: 24084350.

  6. Aydın Y, Kutlay Ö, Bayer S, Kınalı S (2005): "Terpinolene in concert with alpha-tocopherol and beta-carotene effectively prevents oxidation of LDL." Phytomedicine 12(6-7):459–464.


Hinweis: Diese Monographie dient ausschließlich wissenschaftlichen Lehrzwecken. Sie enthält keine Heilversprechen oder medizinischen Empfehlungen.

Verwandte Begriffe

Evidenz-Hinweis: Die hier zitierten Studien und Forschungsergebnisse geben den aktuellen Stand der Wissenschaft wieder. Einzelne Studien belegen keine allgemeingültigen Aussagen. Die Qualität und Reproduzierbarkeit kann variieren.