Hinweis: Die Inhalte dienen ausschließlich der sachlichen Bildung und Information. Keine Werbung für Cannabis i.S.d. §6 KCanG.

Myrcen

REVIEW Monographie Laienrelevanz: hoch Evidenz

Stand: 2026-06-21

Synonyme: Myrcen beta-Myrcen β-Myrcen

Myrcen: Das sedierende Hauptterpen

Kurzdefinition

Myrcen (β-Myrcen, C₁₀H₁₆) ist ein acyclisches Monoterpen und das häufigste Terpen in vielen Indica-dominanten Cannabis-Chemotypen (20–60 % des Terpenprofils). Es trägt zum erdigen, würzigen Aromaprofil bei und zeigt in Tiermodellen sedierende, analgetische und antiinflammatorische Effekte – vermittelt durch TRPV1-Modulation, periphere Opioidrezeptoren und Cannabinoid-Rezeptoren CB1/CB2.

Wissenschaftliche Beschreibung

Myrcen (IUPAC: 7-Methyl-3-methylen-1,6-octadien; CAS 123-35-3; Molmasse 136,23 g/mol) ist ein acyclisches Monoterpen ohne Sauerstoff-Heteroatome mit zwei Doppelbindungen (eine endocyclische, eine exocyclische Methylengruppe). Die Verbindung ist achiral. Die Biosynthese erfolgt über den Methylerythritol-Phosphat-Weg (MEP) in Plastiden mit Geranylpyrophosphat (GPP) als C₁₀-Vorläufer und Myrcen-Synthase (CsTPS1) als katalysierendem Enzym. Die Myrcen-Synthase aus Cannabis (CsTPS1, Familie 21 der Terpensynthasen) ist in Trichomen lokalisiert.

Chemische und physikalische Eigenschaften

Eigenschaft Wert
Summenformel C₁₀H₁₆
Molmasse 136,23 g/mol (exakt 136,1252 Da)
CAS-Nummer 123-35-3
IUPAC-Name 7-Methyl-3-methylen-1,6-octadien
PubChem CID 31253
Siedepunkt 167 °C (760 mmHg)
Aggregatzustand (20 °C) Flüchtiges, farbloses Öl
logP 4,38
Enantiomerie Nicht chiral

Die ausgedehnten π-Elektronenwolken der konjugierten Doppelbindungen ermöglichen nicht-kovalente Protein-Wechselwirkungen, die für die Rezeptor-Bindung relevant sind.

Vorkommen

  • Cannabis sativa: 20–60 % des Terpenprofils; dominant in „erdigen", „würzigen" und Indica-dominanten Phenotypen
  • Hopfen (Humulus lupulus): Bis zu 30 % des ätherischen Öls
  • Mango (Mangifera indica): Charakteristisches Fruchtaroma
  • Thymian, Lemongras, Pfefferminze: Weitere Quellen

Wissenschaftliche Beschreibung der Wirkmechanismen

Sedative und anxiolytische Effekte

Russo-Hypothese (2011): Russo (2011, PMID 21749363) beschrieb Myrcen als „prominent sedative terpenoid" im Kontext der Entourage-Effekt-Hypothese. In Fütterungsstudien mit Hanföl wurde eine Verlängerung der Barbiturat-induzierten Schlafdauer beobachtet. Die Hypothese einer GABA-A-Rezeptor-Potenzierung konnte jedoch nicht eindeutig beziffert werden.

Wagner et al. (2024): Wagner et al. (2024, PMID 39728677, DOI: 10.3390/neurosci5040045) untersuchten die anxiolytischen Eigenschaften von Myrcen im Elevated Plus Maze und im Open Field Test bei männlichen und weiblichen Mäusen. Ergebnis: Myrcen (200 mg/kg i.p.) zeigte signifikante Anxiolyse bei männlichen Mäusen (p < 0,01), nicht jedoch bei weiblichen – ein bemerkenswerter Sexualdimorphismus, der auf hormonell modulierte Metabolisierung oder Rezeptorexpression hindeutet.

TRPV1-Modulation

Jansen et al. (2019): Jansen et al. (2019, PMID 31446830, PMC6768052, DOI: 10.1080/19336950.2019.1654347) untersuchten Myrcen am TRPV1-Rezeptor (Vanilloid-Schmerzrezeptor):

  • Calciumimaging: Myrcen prä-exponierte Neuronen zeigten reduzierte TRPV1-vermittelte Ca²⁺-Einströme nach Capsaicin-Stimulation
  • Mechanismus: Funktionelle Antagonisierung / negative allosterische Modulation (keine orthosterische Aktivierung)
  • Molekulares Docking: Myrcen bindet an eine allosterische Stelle auf TRPV1 mit partieller Überlappung der CBD-Bindungsstätte
  • Kontroverse: Heblinski et al. (2020) konnten TRPV1-Aktivierung durch Myrcen in humanen Zelllinien nicht reproduzieren – mögliche Spezies- oder Kontextabhängigkeit

CB1/CB2-Rezeptor-Interaktion

Alayoubi et al. (2025): Alayoubi et al. (2025, PMID 40839768) zeigten in einem Mausmodell neuropathischer Schmerz, dass die antinozizeptive Wirkung von Myrcen durch den CB1-Antagonisten SR141716A (Rimonabant) blockiert wird – ein erster direkter in-vivo-Beleg für CB1-Rezeptor-Involvierung. Dies wurde durch McDougall & McKenna (2022) bestätigt.

Antiinflammatorische und analgetische Eigenschaften

McDougall & McKenna (2022): McDougall & McKenna (2022, PMID 35887239, DOI: 10.3390/ijms23147891) untersuchten Myrcen im Ratten-Modell der Adjuvant-induzierten Monoarthritis:

  • Akute Wirkung: Myrcen (1–5 mg/kg, lokal injiziert) reduzierte dosisabhängig sekundäre Allodynie (von-Frey-Haar-Test)
  • Chronische Wirkung: Wiederholte Injektionen verringerten artikuläre Leukozyten-Rollung, -Adhärenz und Durchblutung
  • Mechanismus: Die analgetische Wirkung wurde sowohl durch den CB1-Antagonisten AM281 als auch durch den CB2-Antagonisten AM630 blockiert → Beteiligung beider Cannabinoid-Rezeptoren
  • Endogene Opioide: Die Wirkung wurde zusätzlich durch Naloxon teilweise antagonisiert → zusätzliche Beteiligung des Opioid-Systems

Periasamy et al. (2015): Myrcen reduzierte Hyperalgesie im „chronic constriction injury"-Modell und zeigte dosisabhängige Analgesie im Formalin-Test.

Zusammenfassung der Wirkmechanismen

Mechanismus Nachweis Stärke der Evidenz
TRPV1-Modulation Ca²⁺-Imaging, molekulares Docking Präklinisch (kontrovers)
CB1-Rezeptor-Involvierment Blockade durch SR141716A/AM281 in vivo Präklinisch (stark)
CB2-Rezeptor-Involvierment Blockade durch AM630 in vivo Präklinisch (stark)
Endogene Opioide Partielle Blockade durch Naloxon Präklinisch (moderat)
GABA-A-Modulation Verlängerte Barbiturat-Sedierung Präklinisch (schwach)
COX-2-Hemmung Reduktion von PGE₂ Präklinisch (moderat)

Pharmakologische Relevanz

Myrcen ist quantitativ das bedeutsamste Monoterpen in vielen Cannabis-Chemotypen und trägt maßgeblich zum „Couch-Lock"-Effekt von Indica-Sorten bei. Die multiplen Wirkmechanismen (CB1, CB2, TRPV1, Opioid-System, COX-2) machen Myrcen zu einem vielseitigen analgetischen und sedierenden Terpenoid. Die klinische Datenlage beim Menschen ist jedoch minimal – es gibt keine publizierten kontrollierten Humanstudien mit isoliertem Myrcen. Die Sedierung, die mit hohen Myrcen-Gehalten assoziiert wird, könnte auch durch synergistische Effekte mit THC und anderen Terpenen entstehen. Die Rolle von Myrcen als CB1-Agonist in vivo (Alayoubi 2025, McDougall 2022) ist ein wichtiger neuer Befund, der weitere Untersuchung erfordert.

Verwandte Begriffe

  • trpv1-rezeptor
  • cannabinoid-rezeptor-cb1
  • cannabinoid-rezeptor-cb2
  • opioid-rezeptor
  • sedierung
  • analgesie
  • entourage-effekt
  • indica
  • hopfen
  • mango

Quellen

  1. Russo EB. (2011). Taming THC: potential cannabis synergy and phytocannabinoid-terpenoid entourage effects. British Journal of Pharmacology, 163(7), 1344–1364. PMID: 21749363. DOI: 10.1111/j.1476-5381.2011.01238.x.

  2. Jansen C, Shimoda LMN, Kawakami JK, et al. (2019). Myrcene and terpene regulation of TRPV1. Channels, 13(1), 344–366. PMID: 31446830. PMC: PMC6768052. DOI: 10.1080/19336950.2019.1654347.

  3. McDougall JJ, McKenna MK. (2022). Anti-Inflammatory and Analgesic Properties of the Cannabis Terpene Myrcene in Rat Adjuvant Monoarthritis. International Journal of Molecular Sciences, 23(14), 7891. PMID: 35887239. DOI: 10.3390/ijms23147891.

  4. Wagner JK, Gambell E, Gibbons T, et al. (2024). Sex Differences in the Anxiolytic Properties of Common Cannabis Terpenes, Linalool and beta-Myrcene, in Mice. NeuroSci, 5, 635–649. PMID: 39728677. DOI: 10.3390/neurosci5040045.

  5. Alayoubi M, Rodrigues A, Wu C, et al. (2025). Elucidating interplay between myrcene and cannabinoid receptor 1 receptors to produce antinociception in mouse models of neuropathic pain. Pain, 2025. PMID: 40839768. DOI: 10.1097/j.pain.0000000000003558.

  6. Booth JK, Bohlmann J. (2017). Terpenes in Cannabis sativa – From plant genome to humans. Plant Science, 284, 67–72. DOI: 10.1016/j.plantsci.2019.03.022.


Diese Monographie dient ausschließlich wissenschaftlichen und Lehrzwecken. Sie enthält keine medizinische Handlungsempfehlung.

Verwandte Begriffe

Evidenz-Hinweis: Die hier zitierten Studien und Forschungsergebnisse geben den aktuellen Stand der Wissenschaft wieder. Einzelne Studien belegen keine allgemeingültigen Aussagen. Die Qualität und Reproduzierbarkeit kann variieren.