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Isopulegol

REVIEW Monographie Laienrelevanz: niedrig Evidenz

Stand: 2026-06-14

Synonyme: (-)-Isopulegol CAS 89-79-2

Isopulegol

Kurzdefinition

Isopulegol ist ein bicyclischer Monoterpen-Alkohol (C10H18O) mit minzig-kampferartigem Geruch, der in Cannabis als Spurenterpen vorkommt und pharmakologisch vor allem durch GABA-A-Rezeptor-Modulation, TRPM8-Aktivierung sowie anti-inflammatorische und analgetische Wirkungen charakterisiert ist.

Struktur und Biosynthese

Chemische Identitaet

Isopulegol (IUPAC: (1R,2S,5R)-5-methyl-2-prop-1-en-2-ylcyclohexan-1-ol, CAS 89-79-2) gehoert zur Klasse der bicyclischen Monoterpen-Alkohole. Das Molekuel traegt drei Stereozentren; das natuerlich vorkommende Enantiomer ist (-)-Isopulegol mit der Konfiguration (1R,2S,5R).

Parameter Wert
Summenformel C10H18O
Molmasse 154,25 g/mol
Siedepunkt 216–218 °C (760 mmHg)
Schmelzpunkt 78 °C
Dichte 0,904–0,913 g/cm³
LogP (XLogP3) 3,0
Topol. polare Oberflaeche 20,2 Ų
Loeslichkeit Schwer wasserloeslich; gut in Ethanol und Oelen
Geruch Minzig, herbacee, bittersuess, kampferartig

Der LogP-Wert von 3,0 deutet auf gute Membranpassage und ausreichende Blut-Hirn-Schranken-Permeabilitaet hin, was die beobachteten ZNS-Effekte erklaert.

Biosynthese: Mentha-Modellweg und Cannabis

Die vollstaendige Biosynthese von Isopulegol ist im Mentha-x-piperita-System aufgeklaert (Turner & Croteau 2004, DOI:10.1104/pp.104.050229). In Cannabis sativa werden Monoterpene ueber den plastidiaelen Methylerythritolphosphat-Weg (MEP-Weg) bereitgestellt, der in den Drusentrichomen lokalisiert ist (Booth et al. 2017, DOI:10.1371/journal.pone.0173911).

Enzymatische Kaskade im Mentha-Modell:

  1. GPPS (Geranyl-Diphosphat-Synthase): DMAPP + IPP → GPP (C10-Vorlaufer)
  2. (-)-Limonen-Synthase (LS): GPP → (-)-Limonen (monocyclisch)
  3. (-)-Limonen-3-Hydroxylase (L3OH): CYP450-abhaengige Hydroxylierung → (-)-trans-Isopiperitenol
  4. (-)-trans-Isopiperitenol-Dehydrogenase (IPD): Oxidation → (-)-Isopiperitenon
  5. (-)-Isopiperitenon-Reduktase: Reduktion → (-)-Isopulegol ← zentraler Schritt
  6. Weiter → (+)-Pulegon → (+)-Menthon → (-)-Menthol

Isopulegol ist damit der direkte biosynthetische Praekursor von Pulegon und (ueber mehrere Schritte) von Menthol. In Mentha akkumuliert es nur in Spuren (max. 0,2 % des aetherischen Oels), da es schnell zu Pulegon weitermetabolisiert wird.

In Cannabis sativa wurde bisher keine Isopulegol-spezifische Terpensynthase (TPS) charakterisiert. Das Genom der Sorte 'Purple Kush' enthaelt 33 CsTPS-Genmodelle, jenes von 'Finola' neun aktive CsTPS-Gene — keines davon mit gesicherter Isopulegol-Spezifitaet. Die Cannabis-Biosynthese laeuft vermutlich ueber eine unspezifische TPS-Nebenaktivitaet oder eine analoge CYP450-Hydroxylierungssequenz ausgehend von Limonen.

Vorkommen und Konzentrationen

Pflanze Isopulegol-Konzentration
Mentha x piperita (aetherisches Oel) max. 0,2 %
Orangenschalenoel bis 4.000 mg/kg
Melissa officinalis Spurenkonzentrationen
Cannabis sativa (validierte GC-MS) unter LOQ (< 2,50 µg/mL)

Joy et al. (2025, DOI:10.1002/pca.3526) validierten eine GC-MS-Methode fuer 18 Cannabis-Terpene (LOD: 0,183 µg/mL; LOQ: 2,50 µg/mL). In beiden untersuchten Cultivaren lag Isopulegol unterhalb der Quantifizierungsgrenze, waehrend beta-Myrcen mit 5,85–8,62 mg/g dominierte. Isopulegol ist damit ein Minoritaetsterpen in Cannabis, dessen Nachweis GC-MS-Spezifitaet erfordert.

Rezeptorpharmakologie

GABA-A-Rezeptor — primaeressTarget

Isopulegol wirkt als positiver allosterischer Modulator am GABA-A-Rezeptor (alpha1beta2gamma2-Subtyp) mit einer EC50 von ca. 3,25 µM (Chacon et al. 2022, DOI:10.3390/biomedicines10123142). Martins et al. (2025, DOI:10.3390/pharmaceutics18020256) zeigten, dass Isopulegol die GABA-Freisetzung aus KCl-depolarisierten Rueckenmark-Synaptosomen erhoeht. Die Beteiligung der Benzodiazepin-Bindungsstelle wurde durch Flumazenil-Reversibilitaet bestaetigt: 2 mg/kg Flumazenil hebt sowohl antikonvulsive als auch antinozizeptive Effekte signifikant auf (Silva et al. 2009, PMID:19559770; Martins et al. 2025).

Die anxiolytische Wirkung im Elevated-Plus-Maze (EPM) bei 25 und 50 mg/kg entspricht der von Diazepam 1 mg/kg, und die Pentobarbital-induzierte Schlafdauer wird verlaengert (Silva et al. 2007, PMID:17716715).

TRPM8 und TRPV1 — sensorische Dualitaet

Isopulegol ist ein TRPM8-Agonist (Kaltrezeptor), was den minzigen Kuehleffekt erklaert — strukturell aehnlich wie Menthol, aber mit geringerer Potenz. Gleichzeitig kann Isopulegol den TRPV1-Rezeptor antagonisieren (Hitze-/Schmerzrezeptor), was zu antinozizeptiven Eigenschaften beitraegt (Chacon et al. 2022). Diese Dualitaet erklaert das sensorische Profil von Cannabis-Sorten mit minzig-kuehlenden Aromaanteilen.

H1-Rezeptor und COX-2 — anti-inflammatorisches Profil

In-silico-Docking-Analysen zeigten guenstige Bindungsgeometrien von Isopulegol an H1-Rezeptor und COX-2-Enzym (Ramos et al. 2020, DOI:10.3390/foods9050630). In vivo hemmt Isopulegol Carrageenan-induziertes Oedem bei 10 mg/kg p.o. um 60–87 % (Stunden T1–T4), begleitet von Downregulation der pro-inflammatorischen Zytokine TNF-alpha und IL-1beta sowie Suppression der PGE2-Produktion ueber COX-2-Hemmung.

Signaltransduktion und nachgelagerte Effekte

Multimodale Antinozizeption

Barbosa et al. (2023, DOI:10.1016/j.carpta.2023.100383) identifizierten im Formalin- und Essigsaeure-Krampf-Modell ein breites mechanistisches Spektrum der Isopulegol-Antinozizeption:

  • Opioid-Signalweg: Partielle Naloxon-Reversibilitaet
  • K_ATP-Kanaele: Glibenclamid-reversibel
  • Stickstoffmonoxid (NO): L-NAME-sensitiv
  • Cholinerges System: Atropin-sensitiv
  • Glutamat/NMDA-Antagonismus: MK-801 potenziert den Effekt (indirekte Blockade)
  • Vanilloid-Rezeptoren (TRPV1): Capsaicin-Desensitivierungsmodell
  • cGMP-Signalweg: ODQ-sensitiv

Dieses multimodale Profil geht weit ueber reine GABA-Modulation hinaus und positioniert Isopulegol als potenziellen Contributor zum entourage-effekt bei Cannabis-Anwendungen gegen Schmerz und Entzuendung.

Gastroprotektion

Silva et al. (2009, PMID:19479241) zeigten Schutz vor Ethanol-induzierten Magenlaesionen bei 100–200 mg/kg, vermittelt durch K_ATP-Kanaleroeffnung und endogene Prostaglandine (reversibel durch Glibenclamid und Indomethacin, nicht durch L-NAME). NO ist an diesem Mechanismus nicht beteiligt.

Antioxidative Wirkung

Bei 200 mg/kg verhindert Isopulegol PTZ-induzierte Lipidperoxidation im Hippocampus, erhaelt die Katalase-Aktivitaet und stellt den Glutathion-Spiegel (GSH) wieder her: GSH-Wert unter Isopulegol 537,2 ± 57,5 vs. reduzierter Kontrollwert (Silva et al. 2009, PMID:19559770).

Pharmakokinetik

Absorption und Verteilung

Der LogP-Wert von 3,0 und die geringe topologische polare Oberflaeche (20,2 Ų) ermoeglichen eine gute passive Membrandiffusion und eine ausreichende Blut-Hirn-Schranken-Permeabilitaet. In-vivo-Daten zur oralen Bioverfuegbarkeit bei Cannabis-Konsum liegen nicht vor; die Befundlage basiert auf Tiermodellen (Maus, p.o.-Applikation).

Metabolismus und Elimination

Isopulegol wird wie andere Monoterpene hepatisch ueber CYP450-Enzyme (vermutlich CYP2B6/3A4) hydroxyliert und glucuronidiert. Als direkter Praekursor von Pulegon besteht theoretisch eine metabolische Konversion in vivo; quantitative Daten fehlen jedoch fuer Cannabis-relevante Dosierungen. Pulegon selbst ist in hoeheren Dosen potenziell hepatotoxisch (JECFA 2006), was bei therapeutischer Isopulegol-Exposition aber keine Relevanz hat, da Cannabis-Expositionsdosen weit unterhalb toxischer Schwellen liegen.

Akute Toxizitaet

Ramos et al. (2020) testeten 2.000 und 5.000 mg/kg oral ohne letale Effekte, was auf eine grosse therapeutische Breite hindeutet.

Biologische Auswirkungen

Isopulegol moduliert im menschlichen Koerper hauptsaechlich:

  • ZNS: Anxiolyse und Sedation ueber GABA-A; antikonvulsiver Schutz (100 % Mortalitaetsschutz bei PTZ, 200 mg/kg)
  • Schmerzverarbeitung: Antinozizeption ueber mindestens sieben parallele Signalwege (s. o.)
  • Entzuendungsantwort: Hemmung von Oedembildung, TNF-alpha, IL-1beta, COX-2/PGE2
  • Magen-Darm-Trakt: Gastroprotektion ueber K_ATP/Prostaglandin-Achse
  • Sensorik: Kuehlende, minzige Empfindung ueber TRPM8-Aktivierung

Pharmakologische Relevanz

Isopulegol ist pharmakologisch ein Multitarget-Monoterpen mit anxiolytischem, antikonvulsivem, analgetischem und anti-inflammatorischem Profil. Obwohl es in Cannabis nur in Spuren vorkommt, ist es fuer das Gesamtverstaendnis des Entourage-Effekts bedeutsam:

Sortenwahl und Profilierung: Minzig-kuehle Cannabis-Aromen (z. B. Phenotypen mit Headband- oder Tangie-Linie) koennen auf Isopulegol-Anteile hindeuten. Da Terpenprofil primar genetisch determiniert ist, muss die Sortenwahl den Isopulegol-Nachweis einschliessen.

Therapeutisches Potenzial: Das GABA-A-Modulations-Profil von Isopulegol overlapped mit dem anxiolytischen und antiepileptischen Anwendungsprofil von Cannabis. Ob es in Cannabis-relevanten In-vivo-Konzentrationen einen signifikanten Beitrag leistet, ist ungeklaert — hier fehlen humane Pharmakokinetik-Studien.

Analytische Anforderungen: Der Nachweis erfordert GC-MS im SIM-Modus (LOQ 2,50 µg/mL nach Joy et al. 2025). Standard-GC-FID-Panels koennen Isopulegol mit Pulegon verwechseln — beide eluieren nah beieinander. Massenspektrometrische Bestaetigung ist Pflicht.

Forschungsdesiderat: Es existiert bisher keine Studie, die Isopulegol-Konzentrationen in Cannabis-Cultivaren systematisch quantifiziert und mit klinischen Endpunkten korreliert. Gezielte Zucht auf erhoehten Isopulegol-Gehalt waere ein interessanter pharmakologischer Ansatz.

Verwandte Begriffe

  • pulegon — direkter biosynthetischer Nachfolger (Oxidation von Isopulegol); potenziell hepatotoxisch in hohen Dosen
  • limonen — biosynthetischer Vorlaufer (zwei Stufen vor Isopulegol ueber Isopiperitenol)
  • myrcen — dominantes Monoterpen in Cannabis; teilt GPP als gemeinsamen C10-Vorlaufer
  • linalool — ebenfalls GABAerges Monoterpen-Profil; pharmakologische Parallelwirkung
  • mep-mva-weg — plastidiaeler Isoprenoid-Weg, der IPP/DMAPP fuer alle Cannabis-Monoterpene liefert
  • monoterpene — Strukturklasse; Isopulegol gehoert zur Untergruppe der bicyclischen Monoterpen-Alkohole
  • entourage-effekt — Isopulegol als potenzieller Contributor bei analgetischen und anxiolytischen Indikationen
  • terpen-profil-sorten — Sortenspezifische Terpenzusammensetzung bestimmt Isopulegol-Gehalt

Forschungsstand und offene Fragen

Die pharmakologischen Daten zu Isopulegol stammen ausschliesslich aus Tiermodellen (Maus, p.o.-Applikation). Es fehlen:

  • Humane Pharmakokinetik-Studien (Bioverfuegbarkeit, Halbwertszeit, CYP-Interaktionen)
  • Quantitative Isopulegol-Daten in Cannabis-Cultivaren (alle publizierten GC-MS-Analysen zeigen < LOQ)
  • Klinische Studien zum Entourage-Beitrag in Cannabis-Extrakten
  • Charakterisierung einer Isopulegol-spezifischen TPS in Cannabis sativa
  • Daten zur metabolischen Konversion Isopulegol → Pulegon in vivo beim Menschen

Insgesamt gilt Isopulegol als pharmakologisch interessantes Minor-Terpen mit gut belegten Tiermodell-Daten, dessen klinische Relevanz im Cannabis-Kontext noch weitgehend unerforscht ist.

Quellen

  • Turner GW, Croteau R (2004): Organization of Monoterpene Biosynthesis in Mentha. Plant Physiol 136(2):4282–4292. DOI:10.1104/pp.104.050229 / PMC535851
  • Booth JK, Page JE, Bohlmann J (2017): Terpene synthases from Cannabis sativa. PLoS ONE 12(3):e0173911. DOI:10.1371/journal.pone.0173911 / PMC5371325
  • Ramos AGB et al. (2020): Antiedematogenic and Anti-Inflammatory Activity of the Monoterpene Isopulegol and Its beta-Cyclodextrin Inclusion Complex. Foods 9(5):630. DOI:10.3390/foods9050630 / PMC7278878
  • Silva MIG et al. (2007): Central nervous system activity of acute administration of isopulegol in mice. Pharmacol Biochem Behav 88(2):141–147. DOI:10.1016/j.pbb.2007.07.015 / PMID:17716715
  • Silva MIG et al. (2009a): Gastroprotective activity of isopulegol on experimentally induced gastric lesions in mice. Naunyn-Schmiedeberg's Arch Pharmacol 380. DOI:10.1007/s00210-009-0429-5 / PMID:19479241
  • Silva MIG et al. (2009b): Effects of isopulegol on pentylenetetrazol-induced convulsions in mice. Fitoterapia 80(8):506–513. DOI:10.1016/j.fitote.2009.06.011 / PMID:19559770
  • Chacon FT, Raup-Konsavage WM, Vrana KE, Kellogg JJ (2022): Secondary Terpenes in Cannabis sativa L.: Synthesis and Synergy. Biomedicines 10(12):3142. DOI:10.3390/biomedicines10123142 / PMC9775512
  • Barbosa AGR et al. (2023): Screening of the action mechanisms involved in the antinociceptive effect of isopulegol. Carbohydr Polym Technol Appl 6:100383. DOI:10.1016/j.carpta.2023.100383
  • Martins D et al. (2025): Anti-Hyperalgesic Effect of Isopulegol Involves GABA and NMDA Receptors in a Paclitaxel-Induced Neuropathic Pain Model. Pharmaceuticals 18(2):256. DOI:10.3390/pharmaceutics18020256 / PMC11860001
  • Joy N et al. (2025): A Validated GC-MS Method for Major Terpenes Quantification in Hydrodistilled Cannabis sativa Essential Oil. Phytochem Anal. DOI:10.1002/pca.3526
  • Hanus LO et al. (2020): Terpenes/Terpenoids in Cannabis: Are They Important? Med Cannabis Cannabinoids 3(1):25–60. DOI:10.1159/000509733 / PMC8489319
  • JECFA (2006): Pulegone and Related Substances. WHO Food Additives Series 46. https://inchem.org/documents/jecfa/jecmono/v46je10.htm
  • Letizia CS et al. (2008): Fragrance Material Review on Isopulegol. Food Chem Toxicol 46 Suppl 11:S80–82. DOI:10.1016/j.fct.2008.06.053 / PMID:18640208

Verwandte Begriffe

Quellen

  1. DOI:10.3390/foods9050630 DOI
  2. PMID:36136219 PMID
  3. DOI:10.3390/biomedicines10123142 DOI
  4. DOI:10.1016/j.fitote.2009.06.011 DOI
  5. PMID:19559770 PMID
  6. DOI:10.1016/j.pbb.2007.07.015 DOI
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  8. DOI:10.1016/j.carpta.2023.100383 DOI
  9. DOI:10.1371/journal.pone.0173911 DOI
  10. DOI:10.1104/pp.104.050229 DOI
  11. DOI:10.1002/pca.3526 DOI
  12. DOI:10.3390/pharmaceutics18020256 DOI
  13. PMID:19479241 PMID

Evidenz-Hinweis: Die hier zitierten Studien und Forschungsergebnisse geben den aktuellen Stand der Wissenschaft wieder. Einzelne Studien belegen keine allgemeingültigen Aussagen. Die Qualität und Reproduzierbarkeit kann variieren.